2020 Vorwort | Begegnungen… | Sieglind Demus

Begegnungen | Sieglind Demus | Umschlag | HermagorasEin Bericht

Barbara Ambrusch-Rapp | Vorwort
Sieglind Demus | Begegnungen… | 2020 Mohorjeva/Hermagoras

Vorwort
Ein Bericht

Müsste zu dem hier vorliegenden Werk von Sieglind Demus noch ein Buchtitel gefunden werden und würde diese Aufgabe mir anvertraut worden sein, wäre das höchst unbrauchbare Resultat eine seitenlange Abhandlung von in Worte gefassten Emotionen und Zustandsbeschreibungen.
Als Vorbereitung auf meinen Prolog hatte ich mir vorgenommen, nur der einen und auch der anderen zufällig ausgewählten Kurzgeschichte aus dieser Anthologie meine volle Aufmerksamkeit zu widmen, um in die geschriebenen Welten der Schriftstellerin einzutauchen und darauf zu reagieren. Das sollte reichen. Schließlich war ich ja bereits im Rahmen von Literaturabenden live mit ihrer ausgesprochen empathischen Art des Erzählens eindrucksvoll vertraut gemacht worden. Was ich dann allerdings erlebte, war ein emotionaler Ritt durch verschiedene Zeiten und Kulturen in einer hinreißend lebendigen Sprache, die vom ersten Absatz an das Verlangen nach mehr hervorrief.
Liegt es an den fast hautnah spür- und riechbar beschriebenen Details in ihrer ergreifenden Poesie? Wenn von zittrigen Schriften auf schiefen Zeilen die Rede ist, vom Geruch der geteerten Straße oder einem Schuljungen, der es aus Befangenheit nicht wagt, dem nach grünen Tee riechenden Mädchen den salzigen Schmerz vom Gesicht zu küssen? Sind es die mir vermeintlich um die Ohren geschlagenen nassen Fetzen, mit denen die Bäuerin milchschwere Euter wischt oder – schreibend in den Raum geworfene und zart in meinen Ohren klingende – Melodien streuende Wörtersamen?
Es könnten auch die wie nebenbei bemerkten Nuancen in der facettenreichen Interpretation von Gesagtem und noch viel mehr von Ungesagtem sein, die sich der Lesenden wie ein im Morgentau aufblühendes Blumenbeet eröffnen. Ein reichhaltiges Sammelsurium, eine Schatzkiste, prall gefüllt mit erzählten oder wahrgenommenen Geschehnissen und individuellen Befindlichkeiten gewährt Einlass. Eingebettet in eine Zeitreise vom zweiten Weltkrieg bis gerade eben, wo sorgfältig recherchierte Fakten auf reale oder fiktive Lebensgeschichten treffen. Wo einerseits die Unwissende das Gut der noch wenig bekannten Kultur nur häppchenweise kosten darf und andererseits ein versöhnliches „Wir lernen uns ohne Sätze kennen“ das Gefühl von Zuversicht nicht zum ausschließlichen Luxus für Auserwählte verkommen lässt.
Mit großen Augen las ich von einerseits alltäglichen klitzekleinen und andererseits meilensteingroßen, getroffenen oder nicht getroffenen Entscheidungen und war mir dabei nicht sicher, welche davon gewichtiger sind.
Was hielt mich davon ab, aufzuhören mit dem gierigen Weiterblättern zur nächsten Seite, zur übernächsten und jener danach? Eine Achterbahn mitten im Kirchtagslärm, wie sie angstjohlende Nüchterne und Betrunkene in einer der Geschichten erleben, wechselt sich ab mit brokatbezogenen Sofas und Staub atmendem hellgrünem Samt, der das Sonnenlicht filtert. Von Blütensäcken und Wurzeln, die in Gewandfalten verschwinden, einem Vogelschwarm im weichen Abendlicht am Himmel über den Autodächern, auch von der mit einem letzten Gruß bedachten Bäckerei in der Wohnstraße erfuhr ich, genauso wie über ein vielleicht noch atmendes Schmutzwäschebündel, das nicht einmal mehr die Polizei im Visier hat, und von verlorenen Kindern, die zu Mördern werden. Der skurrile Vergleich zwischen den Mühen einer Rheinschifffahrt am Ausflugsdampfer und dem Horror auf einem Flüchtlingsboot erstaunte mich; oh, auch ein katzenbergerisches Kichern und der nicht senile Karasek. Von großen Träumen, die in grauen Wollhandschuhen verschwinden, wurde mir erzählt, von vielleicht gar nicht so aberwitzigen Hoffnungen auf einen Triumph und von winzigen Nöten, die ein Leben völlig aus der Bahn zu werfen vermögen. Zuweilen fühlte ich mich wie der in einer Episode aus dem Literaturbetrieb erwähnte Goldfisch unter den Barschen im Viktoriasee. Ließ mich mit grummelndem Bauch mitnehmen auf die Suche nach dem Ursprung einer vagen Angst, durfte in andere Welten aus geliehenen Zeiten entrücken, mit des Malers Pinsel seinem Strich nachstolpern, schwermütig den strammstehenden Veteranen begleiten, dem die ständig anwesende Frage nach der Schuld den Blick in die Augen des Gegenübers unmöglich macht, und…
Wie gut, dass der Titel dieses beeindruckenden Buches bereits feststeht, schlicht: Begegnungen.

Barbara Ambrusch-Rapp
Jänner 2020