2021 Tränen unter der Haut | DIE BRÜCKE

Andrea Kirchmeir schreibt in DIE BRÜCKE Juni/Juli 2021 zur Ausstellung „Tränenhaut / Solznakoža“ von Barbara Ambrusch-Rapp in der Galerie im historischen Kraigher Haus 2021
Text von Andrea Kirchmeir in DIE BRÜCKE Jun/Jul 2021 Tränen unter der Haut „… sie reisst in kleinen stücken, die alte haut …, das blut quillt aus den alten sätzen, rinnt über ihre haut, der neuerwachenden.“ (Karin Prucha, Anderland | druga dežela“ Barbara Ambrusch-Rapp. Performance (NO)HOPE. Foto: Deborah Staubmann Tränenhaut/Solznakoža. Die Themen, die Barbara Ambrusch-Rapp bearbeitet, gehen unter die Haut. Seit Jahren beschäftigt sich die in vielen Medien versierte Künstlerin mit tabuisierten und marginalisierten, gemeinhin meist zugedeckten, verdrängten Ereignissen. Sie haben zu tun mit Ausgrenzung und Diskriminierung, Strukturen von Gewalt und Unterdrückung, mit den Traumata verletzter (Kinder-)Seelen, mit Fragen nach Herkunft und Heimat. Eine auch in der eigenen Biografie oft schmerzlich erlebte Zerrissenheit dieser zweisprachigen Heimat mit ihrer wechselvollen Geschichte und vielen, bis heute noch ihre Identität befragenden Menschen, lässt Barbara Ambrusch-Rapp mit künstlerischen Mitteln an den offenen Wunden der Gesellschaft rühren. In der Galerie im Kraiger Haus führt sie nun bis 5. September in der Einzelschau „Tränenhaut/ Solznakoža“ Fragmente ihrer jahrelangen Kunstproduktion zusammen. Grenzen wahrnehmen und benennen. Zu den Kontrasten von Rot-, Schwarz- und Weißtönen tritt in den Arbeiten, die von Malerei, Fotografie, Film, Collage, Objektkunst und Installation bis hin zur Performance reichen, neuerdings verstärkt das Hautfarbene hinzu. Das organische Rosa, das Warme und Zarte, ist Metapher für das Menschliche schlechthin, mit seiner verletzlichen, verletzenden und auch versöhnenden Dimension. Die menschliche Haut, schützende Hülle und trennende Membran gleichermaßen, legt sich wie abgestandene Milch über alte, innere Schichten. Rührt man daran, kommt das Darunterliegende hoch. Die Grenze ist fragil und durchlässig. Das Erlebte, Erlittene, kocht traumatisch wieder auf, die vergangenen Wunden – so stellt sich heraus – sind noch nicht gänzlich geheilt. Durch die direkte Begegnung mit Menschen weiß die Künstlerin, die ihr durchwegs feministisches und gesellschaftskritisches Engagement seit Jahren auch mittels szenischer Interventionen umsetzt, dass es das große Bedürfnis gibt, diese Haut, diese Grenze zur Sprache zu bringen. Oft sind es die Tränen nachfolgender, immer noch an den vergangenen Traumata laborierender Generationen, die dann zutage treten. Auch gegenwärtige Aufwerfungen in der Gesellschaft – etwa die aktuelle Asyl- und Minderheitenpolitik – nimmt Barbara Ambrusch-Rapp zum Anlass, um die zugrundeliegende Problematik aufzuzeigen: Es sind die Ungerechtigkeiten jedweder Art, die zu Ausgrenzungen und Menschenverachtung führen und die Künstlerin motivieren, auf aktionistische Weise Position zu beziehen und zum Gespräch einzuladen. Humor und Optimismus. Bei all der Ernsthaftigkeit fehlen aber auch humorvolle Momente nicht. Bewusst arbeitet die Künstlerin mit den stilistischen Mitteln der Überzeichnung (siehe diese BRÜCKEnausgabe Seite 4). Ironie und Satire dienen dazu, emotionale Distanz zu schaffen, verstaubte und aktuelle Klischees zu erkunden und schwierige Themen zugänglich zu machen. Das Absurde und Skurrile steigert sich in den Arbeiten bisweilen zum Lachhaften. Außerdem ist die Multimediakünstlerin auch als unermüdliche und vor allem optimistisch gestimmte Kulturarbeiterin umtriebig und in vielen Initiativen engagiert - etwa beim Kunstbahnhof Wörthersee, im Kunstverein post-WERK oder für die interdisziplinäre Performance-Plattform schau.Räume. Sie packt dort an, wo es notwendig ist – auch ganz im handwerklichen Sinn. Für ihr Engagement in der Kärntner Kulturszene darf sich Barbara Ambrusch-Rapp am 26. Juni deshalb über eine besondere Auszeichnung freuen: den „Kulturvogelpreis 2020“. Andrea Kirchmeir Kunsthistorikerin und Pädagogin, Abteilung Kunst und Kultur. „Tränenhaut/Solznakoza“, Galerie im historischen Kraigher Haus, 9181 Feistritz im Rosental/Bistrica v Rožu (mit Gedächtnisausstellung zu Otto Kraigher-Mlczoch inklusive „Blick hinter die Kulissen“ zu dessen Ölgemälde „Das letzte Abendmahl“ von 1949). Sa und So, 15-18 Uhr und jederzeit nach Vereinbarung. Eintritt frei! Regelmäßige Führungen zu „Tränenhaut/Solznakoža“ mit Barbara Ambrusch-Rapp. *30. Juli, 19 Uhr: „Anderland | das eigene. das andere. das fremde / druga dezela | lastno. ono drugo. tuje“. Karin Prucha liest aus ihrem aktuellen Werk. www.barbara-rapp.com DIE BRÜCKE Nr. 24 | Brückengeneration 5

Text von Andrea Kirchmeir in DIE BRÜCKE Jun/Jul 2021 Tränen unter der Haut „… sie reisst in kleinen stücken, die alte haut …, das blut quillt aus den alten sätzen, rinnt über ihre haut, der neuerwachenden.“ (Karin Prucha, Anderland | druga dežela“ Barbara Ambrusch-Rapp. Performance (NO)HOPE. Foto: Deborah Staubmann Tränenhaut/Solznakoža. Die Themen, die Barbara Ambrusch-Rapp bearbeitet, gehen unter die Haut. Seit Jahren beschäftigt sich die in vielen Medien versierte Künstlerin mit tabuisierten und marginalisierten, gemeinhin meist zugedeckten, verdrängten Ereignissen. Sie haben zu tun mit Ausgrenzung und Diskriminierung, Strukturen von Gewalt und Unterdrückung, mit den Traumata verletzter (Kinder-)Seelen, mit Fragen nach Herkunft und Heimat. Eine auch in der eigenen Biografie oft schmerzlich erlebte Zerrissenheit dieser zweisprachigen Heimat mit ihrer wechselvollen Geschichte und vielen, bis heute noch ihre Identität befragenden Menschen, lässt Barbara Ambrusch-Rapp mit künstlerischen Mitteln an den offenen Wunden der Gesellschaft rühren. In der Galerie im Kraiger Haus führt sie nun bis 5. September in der Einzelschau „Tränenhaut/ Solznakoža“ Fragmente ihrer jahrelangen Kunstproduktion zusammen. Grenzen wahrnehmen und benennen. Zu den Kontrasten von Rot-, Schwarz- und Weißtönen tritt in den Arbeiten, die von Malerei, Fotografie, Film, Collage, Objektkunst und Installation bis hin zur Performance reichen, neuerdings verstärkt das Hautfarbene hinzu. Das organische Rosa, das Warme und Zarte, ist Metapher für das Menschliche schlechthin, mit seiner verletzlichen, verletzenden und auch versöhnenden Dimension. Die menschliche Haut, schützende Hülle und trennende Membran gleichermaßen, legt sich wie abgestandene Milch über alte, innere Schichten. Rührt man daran, kommt das Darunterliegende hoch. Die Grenze ist fragil und durchlässig. Das Erlebte, Erlittene, kocht traumatisch wieder auf, die vergangenen Wunden – so stellt sich heraus – sind noch nicht gänzlich geheilt. Durch die direkte Begegnung mit Menschen weiß die Künstlerin, die ihr durchwegs feministisches und gesellschaftskritisches Engagement seit Jahren auch mittels szenischer Interventionen umsetzt, dass es das große Bedürfnis gibt, diese Haut, diese Grenze zur Sprache zu bringen. Oft sind es die Tränen nachfolgender, immer noch an den vergangenen Traumata laborierender Generationen, die dann zutage treten. Auch gegenwärtige Aufwerfungen in der Gesellschaft – etwa die aktuelle Asyl- und Minderheitenpolitik – nimmt Barbara Ambrusch-Rapp zum Anlass, um die zugrundeliegende Problematik aufzuzeigen: Es sind die Ungerechtigkeiten jedweder Art, die zu Ausgrenzungen und Menschenverachtung führen und die Künstlerin motivieren, auf aktionistische Weise Position zu beziehen und zum Gespräch einzuladen. Humor und Optimismus. Bei all der Ernsthaftigkeit fehlen aber auch humorvolle Momente nicht. Bewusst arbeitet die Künstlerin mit den stilistischen Mitteln der Überzeichnung (siehe diese BRÜCKEnausgabe Seite 4). Ironie und Satire dienen dazu, emotionale Distanz zu schaffen, verstaubte und aktuelle Klischees zu erkunden und schwierige Themen zugänglich zu machen. Das Absurde und Skurrile steigert sich in den Arbeiten bisweilen zum Lachhaften. Außerdem ist die Multimediakünstlerin auch als unermüdliche und vor allem optimistisch gestimmte Kulturarbeiterin umtriebig und in vielen Initiativen engagiert – etwa beim Kunstbahnhof Wörthersee, im Kunstverein post-WERK oder für die interdisziplinäre Performance-Plattform schau.Räume. Sie packt dort an, wo es notwendig ist – auch ganz im handwerklichen Sinn. Für ihr Engagement in der Kärntner Kulturszene darf sich Barbara Ambrusch-Rapp am 26. Juni deshalb über eine besondere Auszeichnung freuen: den „Kulturvogelpreis 2020“. Andrea Kirchmeir Kunsthistorikerin und Pädagogin, Abteilung Kunst und Kultur. „Tränenhaut/Solznakoza“, Galerie im historischen Kraigher Haus, 9181 Feistritz im Rosental/Bistrica v Rožu (mit Gedächtnisausstellung zu Otto Kraigher-Mlczoch inklusive „Blick hinter die Kulissen“ zu dessen Ölgemälde „Das letzte Abendmahl“ von 1949). Sa und So, 15-18 Uhr und jederzeit nach Vereinbarung. Eintritt frei! Regelmäßige Führungen zu „Tränenhaut/Solznakoža“ mit Barbara Ambrusch-Rapp. *30. Juli, 19 Uhr: „Anderland | das eigene. das andere. das fremde / druga dezela | lastno. ono drugo. tuje“. Karin Prucha liest aus ihrem aktuellen Werk. www.barbara-rapp.com DIE BRÜCKE Nr. 24 | Brückengeneration 5