2020 Not everybody’s darling | Der LustGARTEN

Hannes Wendtlandt lädt Barbara Ambrusch-Rapp zum Erzählen ein…
Zeitschrift „Der LustGARTEN | Humor, Kunst und Satire“ im Oktober 2020 auf Seite 44 und 45:

Not „everybody’s darling“ – Barbara Ambrusch-Rapp

Barbara Ambrusch-Rapp, geboren als Barbara Ottowitz 1972 in Klagenfurt, aufgewachsen in der Gemeinde St. Jakob im Rosental, lebt und arbeitet seit 2003 als freischaffende Multimediakünstlerin und Kulturarbeitern in Augsdorf/Velden am Wörthersee. Präsent in nationalen/internationalen Ausstellungen und im Rahmen von Kunstprojekten in den Bereichen Performance, Theater und Fashion-Art. Unterstützung zahlreicher Benefiz-Projekte. Mitglied in Kulturvereinen und KünstlerInnengruppen. Schulkunstprojekte, Workshops in Werkstätten für Menschen mit Behinderung und an Bildungseinrichtungen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Katalogtexte zur Kunst, Kunstprojektorganisation. Buchveröffentlichungen. Gründungsmitglied Kunstverein postWERK Villach (Kuratorin), Kunstbahnhof Wörthersee Velden (Kuratorin), Mitglied Verein schau.Räume (Szenografie), BV Kärnten, Vorstandsmitglied radio AGORA, etc.

„Mein grundsätzliches Anliegen ist der Fokus auf die Menschenwürde und alle Aspekte, die sich im Alltag daraus ableiten lassen. Diese Lebensanschauung möchte ich weitertragen, praktiziere sie auch in meiner Kunst und im Rahmen von privaten oder öffentlichen Interventionen und Projekten, sowohl in der virtuellen als auch in der physischen Realität. All meine Aktivitäten baue ich darauf auf. Die Reaktionen – soweit ich davon erfahre – sind großteils positiv. Naturgemäß gibt es auch Widerstand und zuweilen kann der schon mal heftig ausfallen. Aber ich stehe mittlerweile soweit auf beiden Beinen im Leben, dass ich Gegenwind ganz gut aushalten kann. ‚Everbody’s Darling‘ zu sein, ist nicht meine Aufgabe.“

Wendepunkt in der Entwicklung:

„Nach jeder Reise komme ich mit neuen Kontakten, inspirierenden Eindrücken und Aufgabenstellungen zurück nach Kärnten. Ein besonderes Schlüsselerlebnis hatte ich vor rund 15 Jahren im New Yorker Stadtteil Chelsea. Was ich da an Zugängen zur künstlerischen Praxis erleben durfte, hat mich tief beeindruckt. Im Nachhinein betrachtet ist mir damals erst so richtig ‚der Knopf aufgegangen‘ und ich konnte endlich die jahrzehntelang mir selbst auferlegten Zwänge in der Definition von Kunst über Bord werfen. Für diese wichtige Erfahrung bin ich heute noch sehr dankbar.“

Verheiratet in zweiter Ehe mit Marcel Ambrusch, Mutter von zwei Kindern (erwachsener Sohn und schulpflichtige Tochter). Künstlerische Autodidaktin seit der Jugendzeit (Fachbücher gewälzt, alle möglichen Techniken und Stilrichtungen kennengelernt). Sehr früh von zu Hause ausgezogen, weil ihr das familiäre und dörfliche Umfeld „zu eng“ und dogmatisch geworden ist. „Musste deshalb einen einkommenssicheren Brotberuf erlernen, Kunst war aber immer meine Begleitung.“ Jahrzehntelanges Ausüben der künstlerischen Praxis mit Rückschlägen und Weiterkommen, viel zu wenig Zeit neben Familie und Beruf, ein ständiges Auf und Ab. Ab 2008 endlich hauptberuflich als Künstlerin tätig: „Ich hätte es mir selbst an meinem Sterbebett nie verziehen, wenn ich es nicht zumindest versucht hätte! Dieses unbedingte Wollen hat mich durchhalten lassen und lässt mich immer noch durchhalten und ich habe das Glück, dass mein Partner voll hinter mir steht und mich in meinem Wirken unterstützt!“

Ausstellungsansicht GRENZDEBIL/OMEJENOST

 

 

 

 

 

 

 

Hier zwei Werkabbildungen ihrer Kirchenrauminstallation im Rahmen der Ausstellung GRENZDEBIL/OMEJENOST in der Kirche St. Peter, St. Jakob i. R. / Cerkev Šentpeter, Šentjakob für SPD Rož. „Dieses Projekt ist mir sehr wichtig, weil es als allererste meiner Ausstellungen auch bewusst autobiografische Elemente beinhaltet.“ Bei anderen Projekten ist das nicht der Fall gewesen. Sie hat ihre Kindheit in der Gemeinde St. Jakob im Rosental (kinderreicher Bauernhof in Maria Elend im Rosental) verbracht, der Vater Kärntner Slowene, die Mutter nicht zweisprachig. „Es gab viele Konflikte, auch der sprachliche spielte mit, aber ich verstand damals so vieles nicht. Auch angesichts der damaligen Sprachlosigkeit einer ganzen Generation, die meiner Eltern und Großeltern. Bin ob der auch religiös geprägten Enge als Jugendliche ausgezogen, weil mir das Leben in diesem Dorf viel zu wenig Raum für meine doch etwas quergeistige Persönlichkeit gelassen hat.“

(MiniaturCyborg „Backlash“ | mixed media Objekt 2018)
„Ich sehe mich auch als feministische Künstlerin. Hier in dieser Arbeit steht wie sehr oft in meinem Werk der weibliche Körper im Vordergrund, weil die Frau bzw. ihr Körper regelmäßig als Projektionsfläche für gesellschaftliche Entwicklungen zweckentfremdet/funktionalisiert wird. Seit gefühlten Ewigkeiten und verstärkt seit einigen Jahren wieder, ist das Gewand der Frau (auch traditioneller, religiöser) Natur sehr stark im Fokus (wieso das Gewand des Mannes fast nie?). Viel mehr im Fokus als der Mensch unter dem Tuch/Gewand. Ob zu sexy, zu verhüllt, zu traditionell, zu modern, fast immer ist es, ist die Frau, irgendwas von ZU(viel)… Speziell seit einigen Jahren, wo verstärkt auch unterschiedliche Kulturen in Europa zusammenkommen, erfahre ich eine Art ‚Backlash‘ in der Emanzipationsdebatte… Zum Teil auch mit der Devise im Hintergrund, gefälligst endlich den Mund zu halten (deshalb auch die Kette im Gesicht), es sei ja eh schon alles erreicht. Aber auch hier eine hohe Frisur, die für die Würde steht, die niemandem genommen werden kann, der/die es nicht zulässt, egal, wie grauenhaft die aktuelle Situation gerade ist…“

(Mitmenschenalarm! | Collage/Acryl Mischtechnik auf Leinwand 2017)
„Hier habe ich versucht, die Absurdität von Rassismus und seiner eventuellen Hintergründe visuell darzustellen. Die vermeintliche Masse an Invasoren (ohne Gesicht, weil Gesichter und Augen persönlichen Bezug schaffen, und das wäre der fremdenfeindlichen Lebenseinstellung abträglich oder würde gar Mitgefühl auslösen) kommt erstaunlicherweise aus dem Licht. Links eine christlich abendländische Person, die ob ihrer eigenen persönlichen Probleme, die sie allerdings auf das Fremde und Ungewohnte projiziert, eingeengt ist bzw. sich ja selber den Magen abschnürt. Die Krone am Kopf, auch wenn hier ein wenig wackelig, deshalb, weil ich jedem Menschen seine Würde zugestehe, auch wenn ich mit seiner Meinung überhaupt nicht konform gehen kann.“

Objekt SPIELBALL Barbara Ambrusch-Rapp(MiniaturCyborg „Spielball“ | Objekt mixed media 2020)
„Der Mensch als Spielball zwischen Grenzen, gesellschaftlichen Dogmen… hier mit Stacheln, wie ein Igel sich schützend einigelnd bei (vermeintlich) drohender Gefahr…“

© Der LustGARTEN (Beitrag), 9020 Klagenfurt, Chefredaktion: Seppi Ess
Portrait und Fotos der Werkabbildungen: Marcel Ambrusch