2011 Helmut Hein | Der schöne Körper zerfällt…

Helmut Hein . Mittelbayerische Zeitung . Der schöne Körper zerfällt in Trümmer . August 2011

Für Barbara Rapp ist Schönheit eine Falle. Sie findet für die Enteignung der Frau entschiedene Bilder: Sie ist an den Rand gedrückt, zutiefst melancholisch; und die sexuellen Attribute, all die Brüste, sind um sie herum zerstreut. Identität gibt es nicht mehr; oder nur noch als Wahn. Formal regiert bei Barbara Rapp die Collage, die das längst Zerfallene noch einmal zusammenzwingt. Inhaltlich geht es längst um Klon-Existenzen. An die Stelle des (weiblichen) Menschen tritt die sexuelle Maschinerie. Aus dem, was einmal Wunsch oder Lust war, ist längst eine traumatische Fantasie geworden, die dem Bann des Wiederholungszwangs oder, ästhetisch, der unendlichen Vervielfältigung unterliegt.

Zerstückelt und zerschnitten

Während bei Rapp die Figuration entweder vom Messer zerschnitten oder zeichnerisch ausgezehrt wird, regiert bei Vanessa Dakinsky, scheinbar!, noch das pralle Leben. Ihre jungen, halb oder ganz nackten weiblichen Körper, gehorchen vordergründig einem tief verankerten pornographischen Programm. Nur wer genauer hinschaut, sieht, dass sie sich an den Rändern auflösen, dass sie zerfressen werden und längst Teil von Arrangements sind, die noch das Vertrauteste, die Bilder des Begehrens, fremd, seltsam, ja bedrohlich machen.

Auch Dakinskys Figuren sind depersonalisiert: die Gesichter halb weggeschnitten bzw. von Stoffen und Gegenständen verdeckt oder entstellt. Eine Arbeit wie „Helium“ zeigt, je nach Perspektive, die Schrumpf- oder Mega-Version der Frau, reduziert vor allem ihre primären Geschlechtsmerkmale auf die wesentliche Eigenschaft in einer Comic-Welt seelenlosesten Sexes: auf ihre Aufpumpbarkeit.

Beide Künstlerinnen mögen politische Aktivistinnen sein. Aber ihre wesentlichen Mittel sind Spott, Hohn und Ironie. Manches muss man nur vorzeigen, um es zu erledigen. Vor allem Vanessa Dakinsky steht aber auch in der Tradition der Romantik und des Surrealismus. Ihre Bilder fügen sich nie den Vorgaben einer zensierenden Vernunft. Der Ort, an dem sie entstehen, ist der Traum, manchmal auch der Albtraum.

Quelle © Helmut Hein . Mittelbayerische Zeitung
Zur Ausstellung Sommersalon mit Barbara Rapp & Vanessa Dakinsky | Galerie Art Affair | D Regensburg | 2011