2011 Simone Kraft | Vom Rotkäppchen zur…

2011 Katalog gender box openVom Rotkäppchen zur Gender Box: Auf den Spuren von Lockenwicklern, Dreitagebärten und anderen Klischees

Simone Kraft und Barbara Rapp im Gespräch
(Vorwort zum Katalog Galerie Rimmer | BARBARA RAPP | gender box open 2011)

SK: Vom Rotkäppchen zur Gender Box – während sich deine letzte Ausstellung in der Galerie Rimmer mit dem Thema der weiblichen Souveränität, der selbstbestimmten Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität und der Rolle der Frau in der heutigen Zeit auseinandergesetzt hat, beschäftigen sich deine neuesten Arbeiten mit einem etwas anders gelagerten Fokus: Gender und Gender-Diskussion, Identitätssuche und Individualismus. Wie kommt es dazu?

BR: Angeregt durch die Gender-Diskussion, die in den letzten Jahren lauter und aktiver geworden ist, setze ich mich zunehmend bewusst mit dieser Begrifflichkeit und ihren Hintergründen auseinander. Gender als Synonym für das soziale oder psychologische Geschlecht einer Person schließt viel mehr in die diesbezügliche Betrachtung ein, als die alleinige Festlegung auf das rein biologische Geschlecht es tut. Dazu gehören etwa Kleidung, Beruf, spezifische Verhaltensweisen oder das kulturabhängige Rollenverständnis des Einzelnen. Das daraus gewachsene Schlagwort „Gender-Mainstreaming“, das den Versuch einer Gleichstellung der Geschlechter auf allen gesellschaftlichen Ebenen beschreibt, dockt praktisch nahtlos an meine zuvor behandelten Frauenthemen an. Nicht weit davon entfernt bewegen sich die auch heute gültigen Fragen um Identität und Individualismus. Diese Themen und diffuse Verunsicherungen, die sie hervorbringen, greife ich in meiner Arbeit auf.

Kannst du uns dafür ein Beispiel geben?

Die GenderBoxOpen etwa verweist auf die Vielschichtigkeit der Geschlechtsidentitäten, die eben nicht nur auf körperlichen Merkmalen beruht. Sie ist im wahrsten Sinne „verschachtelt“ und lässt unspezifisch Körperliches mit symbolisierter Geschlechtlichkeit kokettieren. Dennoch bleibt in diesem kontrollierten Durcheinander der Blick nach draußen frei.

Aber auch die Schwerpunkte, die mein „Rotkäppchen“ beschäftigt haben, sind natürlich immer noch wichtig für mich. Letztlich handelt es sich um eine logische Erweiterung meines Blickfelds, die Themen und Fragestellungen sind alle verwoben und eigentlich nicht getrennt voneinander zu denken. Es gibt viele Überschneidungen – etwa Schlankheitswahn und Schönheitskult, die in den Medien dominieren und vor allem Frauen, aber eben zunehmend auch Männer im Griff haben. Oder das ideologisierte Frauen- und Männerbild, das beispielsweise die katholische Kirche propagiert. Die Verführung, ein typisch weibliches Verhalten, die aggressive Spekulationslust – typisch männlich?

Stichwort „Individualismus“, ein weiteres großes Thema der Ausstellung, das in mehreren Arbeiten steckt, etwa in der IndividualistenBox, der IndividualistenMaschine, dem IndividualistenFriedhof …

„Ich muss individuell sein, mich selbstverwirklichen, darf mich nicht unterordnen …“ – das Bedürfnis nach Individualismus ist eine weitere typische Erscheinung unserer Gesellschaft. Wir stehen heute sehr wohl unter einem gewissen Zwang, ach so individuell sein zu müssen. Aber inwieweit ist dieses Dogma überhaupt lebbar? Alle wollen individuell sein und sind damit letztlich doch wieder Mainstream. Zudem sind wir alle in die Maschinerie der Gesellschaft eingebunden, in Raster und Verhaltensweisen, aus denen man nur bedingt ausbrechen kann. Mir stellt sich die Frage: Ist es tatsächlich so ein Problem, akzeptierender Teil einer Gesellschaft zu sein? Und bedeutet das krampfhafte Suchen nach Individualismus und Anderssein nicht vielmehr gerade wieder ein sich Unterwerfen unter eine Gruppendynamik, aus der man eigentlich ausbrechen will?
Wo beispielsweise zwanghaftes Ausbrechen aus normativen Strukturen zur Persiflage seiner selbst wird, setzt meine IndividualistenBox vermeintliche Errungenschaften – „Ich bin ja so was von individuell!“ – in kursorische Verschachtelungen zurück.

Was ich damit übrigens nicht in Frage stelle, ist unsere sehr wohl existierende jeweilige Individualität innerhalb unseres Aktionsradius. Nur setzt sich diese eben aus beidem zusammen, den persönlichen und den gesellschaftlichen Facetten. Man kann nicht das eine auf Kosten des anderen außer Kraft setzen wollen.

Deine Arbeiten wollen sensibilisieren, Fragen aufwerfen, zur Diskussion anregen …

… den Blick schärfen für gesellschaftliche Problemzonen, von denen man sich häufig abwendet. Angesichts der immer zahlreicher auf uns hereinbrechenden Schlagzeilen über von Menschen verursachte Grausamkeiten auf aller Welt fühlen wir uns oft überfordert, können all das gar nicht mehr verarbeiten und drehen uns weg. Durch meine Kunst möchte ich Themen, die mir wichtig sind, im Gespräch halten. Das versuche ich allerdings ohne dabei den Anspruch zu erheben, dem Betrachter allgemeingültige Antworten zu bieten. Und schon gar nicht will ich den Moralapostel spielen – im Gegenteil, viel lieber den gelegentlich auch mal ironischen Schelm.

befleckte altarweiber, IndividualistenFriedhof – vieler deiner Arbeiten tragen sehr scharfzüngige Titel. Bei anderen entsteht aus dem Widerspruch von Benennung und Gezeigtem eine satirische Spannung. Ironie, Persiflage, humorvolle Verzerrung und Zuspitzung kommen häufig zum Einsatz. Auch die Motive wirken oft skurril, verfremdet, überspitzt. Welche Rolle spielt der Humor für dich?

Anders ließe sich die Auseinandersetzung mit den Geschehnissen, die mich beschäftigen, manchmal kaum bewältigen, ohne pessimistisch zu werden. Wie gesagt, mir ist es wichtig zu sensibilisieren, aufmerksam zu machen. Und dies gelingt besser durch beherzten Witz, als mit erhobenem Zeigefinger. Manchmal sind die Themen auch so absurd, dass man darauf nicht anders reagieren kann. Die Ironie – und Selbstironie – sorgt außerdem für eine gewisse Distanz zu den gezeigten Themen.

Auch deine Materialienpalette hat sich geweitet, von der bewährten Malerei-Collage bis hin zu Plastiken und raumgreifenden Installationen sind ganz unterschiedliche Herangehensweisen zu beobachten, die allerdings alle deine charakteristische Ausdrucksweise auszeichnet. Auch dein eigener Körper dient immer wieder als „Materialreservoir“ mit Fotografien deines Gesichts, mit Haaren, …

… was irrtümlich oft als autobiografischer Hintergrund meiner Arbeit gedeutet wird, ja. Ich setze großteils Abbildungen meiner Person oder auch Relikte meines Alltags ein, weil es ja zutiefst subjektiv wahrgenommene Eindrücke jener Gegebenheiten sind, die ich visualisiere. Es geht also weniger um ein Zeigen meiner Person, als vielmehr um einen Kommentar zur Welt um mich herum von einem – meinem – persönlichen Standpunkt aus. So sehe ich meine fiktive Anwesenheit in einer Collage, einer Installation, als Verweis auf die nahezu unmögliche Objektivität bei der Interpretation aktueller gesellschaftlicher Tendenzen.
Grundsätzlich experimentiere ich gerne mit verschiedenen Ausdrucksformen und ungewohnten Materialien, um bestimmte Inhalte besser zu transportieren. So beinhaltet etwa die gender surprise box als typisch weiblich oder männlich angesehene Utensilien (Haarwickler und Rasierer), handfeste Anschauungsobjekte, begreifbar im wahrsten Sinne des Wortes. befleckte altarweiber habe ich mit Alufolie hinterlegt, um Glanz und Glorie der katholischen Heiligendarstellungen zu übernehmen. Und bei der Collage-Malerei gehet hin und vermehret euch überlagerte ich mein weibliches mit einem männlichen Gesicht, um Androgynität zu erreichen.
Diesen Effekt nutzte ich auch bei der Installation IndividualistenFriedhof, in der es allerdings noch einen Schritt weiter in die Dreidimensionalität geht. Hier war es mir besonders wichtig, Räumlichkeit zu erzeugen, um dem Betrachter die reale und nicht nur die imaginäre Begehung zu ermöglichen.

August 2011
Simone Kraft und Barbara Rapp

Die Kunsthistorikerin Simone Kraft begleitet Barbara Rapps Arbeit seit mehreren Jahren und ist eng vertraut mit Rapps künstlerischer Laufbahn. Im Laufe der Zeit hat sich eine Freundschaft zwischen den beiden entwickelt, die zu einem regen Austausch über Kunst und Kultur geführt hat.
Als freie Kuratorin hat Simone Kraft mehrere internationale Ausstellungen zu zeitgenössischer Kunst u.a. in Berlin kuratiert und ist Preisträgerin des Wolfgang Hartmann Preises 2011 für Kuratoren. Sie kooperiert mit einem internationalen Netzwerk renommierter KünstlerInnen und KunstwissenschaftlerInnen. Darüber hinaus publiziert sie regelmäßig in verschiedenen Kunst- und Architekturmedien.