Alter Ego erzählt – Fragmente, chronologisch:
„Preklet hudič! Schon wieda nua so a scheiß Diandle.“
Video-Essay Barbara Ambrusch-Rapp in Kooperation mit
#fluididentities visible © Ute Liepold FLUID IDENTITIES Theater Wolkenflug
(Filmstill #video83 und Hintergrundfoto Gerhard Maurer)
veröffentlicht im März 2023:
Alter Ego erzählt – Fragmente, chronologisch:
„Preklet hudič! Schon wieda nua so a scheiß Diandle.“
Niedergeschlagen, fast am Boden zerstört, kauerte der Tata, mein Vater, damals am großen Tisch meiner Oma in unserem Bauernhaus in Maria Elend/Podgorje – den tonnenschweren Kopf mit der Stirn in der Furchenhand abgestützt – grad vom Krankenhaus heim gekommen, wo seine Frau, meine Mutter, ein gesundes Mädchen zur Welt gebracht hatte – und er konnte es nicht fassen, dass sein viertes Kind noch immer kein Stammhalter geworden ist.
„Schon wieda nua so a scheiß Diandle.“
Jå eh, bei dem Wort „scheiß“, da weiß ich es nicht mehr genau… Egal. Wenn es halt so war, dass ich ihn mitgehört und mitgespürt hab, den ganzen Scheiß. Damals, als fast fünfjähriges ältestes Kind einer baldigen Großfamilie am Land in dem Tal mit dem Berg vor der Kirche und dem schein-heiligen Getue in der Kirche…
Diese erste Erinnerung an Zorn und an Kleingemachtfühlen zugleich – ist eingebrannt.
Zum Glück auch das wilde Strawanzen – eingebrannt – auf den Feldern und im Wald mit den Nachbarskindern, bis es dunkel wurde, und mystisch und irgendwie frei…
Fahrradfahren, barfuß, zuweilen mit blutig aufgerissener Zehe – egal, Hauptsache frei!
Der Mann, der ehrenwerte, aus dem Haus in dem Dorf lauerte immer, immer an der Straße in dieser Bauchweh-Kurve, die für uns Dirndalan bald seinen Namen trug.
Breitbeinig, raumnehmend dann: „Wollts a Zuckale?“
Nix mit weiterfahren, das geht ja nicht! Der Herr Ehrenmann hat sich Respekt verdient. Mitten auf der Straße stehend – meine Hand auf der Lenkstange – seine Hand auf meiner knospenden Brust: „Mah, a hot di do a Biene gstochn?“ Trentschelndes Grinsen unter glasigen Augen – und jetzt?
Zum Baden im Dorfteich wurde die Oma uns Dirndlan als Hüterin mitgeschickt. Im Wald an der Wiese vorm Teich auf der Jausenbank sitzend, stundenlang still. Waren ja auch Buabm dort… Gott behüte! Da hätten wir endlich was Echtes zum Beichten gehabt, an einem der Sonntage in der Kirche, jede Woche, das ganze Jahr.
Oče naš, ki si v nebesih… in odpusti nam naše dolge.
Die Besoffenen im Gasthaus – in den Ferien beim Geldverdienen…
Fester Griff auf den Arsch und anderswohin.
Na und? Was regst dich denn auf? Das gehört halt dazu.
Vor Ewigkeiten.
So viel Leben von damals bis heut. Gerettet hat mich das Neugierigsein. Und die Menschen, die mir etwas zugetraut haben – bis ich mir endlich auch selber zu-getraut hab.
Bildtitel der Künstlerin, einer noch jungen Mutter eines noch jungen Sohnes, der heute erwachsen ist: „Wie machen wir jetzt den Mann für Töchter?“
Lieben lieben und Netzwerke flechten aus harten Schnüren und weichen Fäden und Fundamente bauen aus Steinen von da und von dort – sie halten. Sieht ganz danach aus.
„Mah, a låsst du dein liabn Månn am Sonntåg allan daham?“
Backlash!
Weiter Lieben lieben und Netzwerke flechten und Fundamente bauen – sie halten noch.
Vulva-Bau zu Klagenfurt/Celovec, bei VADA, am Weltfrauentag, mit Tonziegelstein, terra cotta, gekochte Erde… fünfzehn Meter lang zwei Tonnen „Mutter Erde“ gemeinsam mit jungen und alten Menschen zwischen Rathaus und Lindwurm auf den Neuen Platz gebaut.
„Und wegn sowås wie eich Emanzn füart da Putin gegn uns an Kriag!“
Backlash!
„Mah, so guat, dass ia des do mochts, des is so wichtig, des zag: Mia sind då!“
Lieben lieben und Netzwerke flechten und Fundamente bauen – sie halten, doch!
© Barbara Ambrusch-Rapp, Oktober 2022