2020 literatur outdoors | Interview

5 Fragen an KünstlerInnen zur Gegenwart | Walter Pobaschnig interviewt Barbara Ambrusch-Rapp

© literatur outdoors | Interview vom 21. Juli, veröffentlicht am 23. August 2020

Liebe Barbara, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Diesen einen Ablauf, der auf die meisten meiner Tage zutrifft, gab es seit Jahren nicht mehr und gibt es auch derzeit nicht. Nun ja, doch, da gibt es was: Meist stehe ich früh am Morgen auf. Vor allem zu Schulzeiten, wenn meine Tochter aus dem Haus muss. Aber eigentlich fast immer, weil ich wenig Schlaf brauche und die Morgenstunden irgendwie noch frisch sind, der Tag noch so jungfräulich ist. Im Idealfall habe ich an Vormittagen Zugang zu mindestens drei Tassen Kaffee schwarz. Oft geht sich das gut aus, etwa wenn ich am PC arbeite und das tue ich oft. Da ich neben meinem freien Kunstschaffen auch als Kuratorin arbeite, Kunstprojekte und Workshops organisiere und für Kultureinrichtungen tätig bin, habe ich naturgemäß viel Schreibarbeit und Bürokram zu erledigen. Das allermeiste erfüllt mich mit Freude, Buchhaltung und dergleichen nicht so sehr. Wenn Ausstellungen oder Auftragsarbeiten anstehen, arbeite ich im Atelier, bei größeren Projekten draußen in der Garage oder im Carport. Da gibt es keine fixen Zeiten, das können manchmal acht Stunden am Stück sein oder auch immer wieder zwischendurch ein Stündchen, je nach Technik und Zeitdruck. An den Abenden bin ich immer wieder bei Vernissagen und Kulturveranstaltungen im Einsatz. Während der „Corona-Intensiv-Phase“ fiel dieser Teil meiner Arbeit und meine Workshops an Schulen komplett aus. Seit Mai geht es aber wieder los, ziemlich dicht sogar, dichter als erwartet. Zum Glück geht sich irgendwie auch Zeit für die Familie aus, im Sommer draußen auf der Terrasse mit einem Glas Wein und Sonnenuntergang oder bei gemeinsamen Aktivitäten. Das ist wichtig! Mir zumindest. Ich glaube, dass ich andernfalls mit der Zeit ganz schön schrullig werden würde…

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Kann ich Prioritäten, die „für uns alle“ jetzt wichtig sind, tatsächlich allgemeingültig definieren? Oh, das ist mir ein Ding der Unmöglichkeit! Was sowieso immer wichtig ist: Ein Gespür für sich selber zu bekommen, was im stressigen Alltag oft untergeht. Zu wissen, wer ich bin, welche Bedürfnisse ich habe, welche Kompromisse ich eingehen will oder muss und wie ich mein Leben im Rahmen meiner Möglichkeiten gestalten möchte, ist meiner Meinung nach die Basis für alles, was mein Dasein ausmacht. Und in weiterer Folge die Basis für alles, was ich in meinem nahen und weiter gefassten Umfeld bewirken kann.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst zu?

Ich bin ja der Meinung, dass jeder Mensch zu verschiedenen Zeiten und nicht nur einmal vor einem Aufbruch und Neubeginn steht, je nach persönlicher Lebenslage. Aber gut, stimmt schon, es ist derzeit pandemiebedingt auch die kollektive Zäsur ein großes Thema. Da gibt es offenbar viele verschiedene Ansätze und Wünsche an das Danach. Schön wäre es, wenn diese Zeit des verordneten Rückzugs eine nachhaltig wirkende Besinnung auf das Wesentliche verursachen würde. Und aus dieser heraus, aus der verstärkten Wahrnehmung dessen, was das Leben wirklich ausmacht, könnte sich eine von vielen Menschen breit mitgetragene Haltung entwickeln, die sowohl für das Individuum als auch den Großteil der Gesellschaft und für unseren Planeten, auf dem wir alle leben, positive Entwicklungen ermöglicht. Ach, du meine Güte, was klingt das pathetisch (lach)!

Kunst spielt viele Rollen und völlig unterschiedlich gestrickte Mitspielende tummeln sich in diesem großen Theater, deshalb möchte ich ihr keine allgemeingültige Aufgabe zuteilen müssen. Ich kann nur für meinen Zugang sprechen und der fokussiert sich seit längerer Zeit und immer noch auf die Sichtbarmachung von Themen, die gerne weggeschoben werden, über die nicht gerne gesprochen wird, weil sie entweder viel zu weit weg von eigenen Lebensrealitäten sind oder andersherum, viel zu nahe. So nahe und womöglich unbequem, dass sie lieber ausgeblendet werden, als in ehrlicher Auseinandersetzung bearbeitet. In meiner Arbeit greife ich solche Themen auf, im Idealfall als Brücke und Einladung, wieder mal darüber zu diskutieren und sich vielleicht doch auch im ganz Privaten erneut damit zu beschäftigen.

Was liest Du derzeit?

Nach dem für mich überraschenden Fallen ins Luftlose während des Lockdowns und der – großteils terminlich bedingten – enorm dichten Aufholarbeit seit den Maßnahmenlockerungen brauche ich zwischendurch grad etwas zum Herunterkommen: Einen Ratgeber zur naturnahen Gartenarbeit.
Daneben liegt, zum nochmaligen Lesen: Die Wand, Marlen Haushofer

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“ (Ingeborg Bachmann)

Vielen Dank für das Interview liebe Barbara, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

© 21.7..2020_Interview_Walter Pobaschnig
Das Interview wurde online geführt.
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