2018 Sabrina Oehler | Mitmenschenalarm

Poetry-slam von Sabrina Öhler als Laudatio

Zum FünfUhrTee „Salon am See“ im September 2018 im Tennis und Yachthotel Velden am Wörthersee mit Arbeiten von Barbara Ambrusch-Rapp unter dem Titel „Mitmenschenalarm“ trug die „Storytellerin“ Sabrina Öhler eine Laudatio im Stil eines Poetry-slam und ihren persönlichen Beitrag zu dieser Pop-up-Ausstellung vor:

Sehr geehrte Damen & Herren, liebe Kunstliebhaber_innen, Gäste und Gastgeber_innen…
Der heutige Tag, und das weiß ich genau, der gebührt heut einer – einer einzigartigen Frau.
Es war 1972 und es war in Kärnten, als zwei glückliche Eltern ihre Tochter kennen lernten. Barbara wurde sie genannt und ist heute inkl. Nachnamen, Ambrusch-Rapp, auch weit bekannt. Lebhaft gilt nicht nur eine Eigenschaft, sie wohnt auch in Velden am Wörthersee und ist heute für uns hier, zum FünfUhrTee.
Bekannt als freischaffende Multimediakünstlerin und Kulturaktivistin setzt sie sich ein – für Gleichberechtigung, Queere Existenzen, kritisiert normative Mann/Frau Rollen, Schönheitsindustrie, befasst sich mit so genannten gesellschaftliche Randgruppen, Medien, Wirkung der Werbung auf uns und vieles mehr. Doch wo kommen diese Themen eigentlichen her? Warum mussten diese Themen aus ihr raus? Was macht diese Frau eigentlich aus?

Ein paar Fakten, und ja, die will ich nicht nur beiläufig nennen, denn viele von Ihnen werden sie womöglich noch nicht alle kennen – ich will sie betonen, hervorheben, unterstreichen und ich weiß, dass alles wird nicht reichen, denn diese Frau hat schon Großartiges vollbracht, geniale Kunstwerke gemacht und noch vieles vor – drum lauschen Sie nun und seien ganz Ohr, wenn ich die wichtigsten Punkte ihrer Karriere nun verlese wie ein Glas Wein – die beste Auslese aus den schönsten, gereiften Trauben im strahlenden Sonnenschein. Der fruchtbarste Boden als das Fundament, ihrer Kunst – die heute hier an diesen Wänden hängt:
Sie ist Mitglied der IG Bildende Kunst Wien (IAA international association of art), in verschiedenen Kulturvereinen und Künstler*innengruppen aktiv, sowie als Workshopleiterin für Unternehmen und in Bildungseinrichtungen tätig. Ihre Arbeiten sind in nationalen/internationalen Ausstellungen und im Rahmen von Kunstprojekten in den Bereichen Performance, Theater und Fashion-Art präsent. Neben dem Kaiserswerther Kunstpreis 2011 in Düsseldorf (für den Zyklus „Frauenbild zu entsorgen“) erhielt sie 2014 den Kunstpreis der Evangelischen Johanneskirche Klagenfurt (mit der Arbeit „GRSS GTTn“), belegte 2016 den ersten Platz der jurierten zeitgenössischen Krippenbiennale in Wolfsberg (Türinstallation „Fürchtet euch nicht“), wurde für das Finale des Kurzfilmwettbewerbs »zoom in : goes cinematogräphin« im Leokino Innsbruck ausgewählt und war heuer unter den GewinnerInnen des jurierten Edel.Holz.Kunst-Preises in Kärnten.
An dieser Stelle darf man gerne mal klatschen – für weitere Details steht die Künstlerin dann gerne bereit zum Tratschen.

Das Thema, um das sich der Abend aber heute dreht, ist „Mitmenschenalarm“ und was man darunter versteht.

Die Ausstellung weist zwar einige Bilder auf, aber der Titel eines Bildes nennt nicht nur das Thema, sondern wiederspiegelt ES – auf eine unmissverständliche und klare Art und Weise, die, nach meiner subjektiven Wahrnehmung, reiner nicht sein könnte.

Rot – ACHTUNG Mitmenschenalarm. Nicht umsonst werden Straßenschilder, die zum Anhalten auffordern oder uns vorwarnen möchten, mit dieser Farbe gekennzeichnet. Darauf zu sehen sind Silhouetten, Kutten und leere Hüllen – gesichtslose Wesen, die in der Masse verschwinden – gequälte Geister, die sich selbst den Magen zu schnüren.
Keine Frage – Gesellschaftskritik wurde hier visualisiert und wenn man nicht ganz verwirrt zwischen den plakativen Gestalten herumirrt, dann kennt man den Menschen mit Leib und Seele. Einen Menschen, der trotz der Befehle – standhafte Unsicherheit, gezeichnet durch den Schuh, ausstrahlt – hinter barcodeartigen Strichen, die gemalt – gefangen im organischen System, das wir selbst errichten – unsere Wirklichkeit versuchen zu verstehen und dadurch allein ein Ende dichten.

Jede_r wird in dieser Ausstellung etwas anderes sehen – doch ich möchte mit den folgenden Texten auf die Themen „Schönheit“ und „Kunst“ noch mehr eingehen. Denn wie Sie vielleicht bemerken, sind die Popos und Brüste in den Bildern die wahren Stärken und Aufmerksamkeitserreger in den Bildern dieser Künstlerin – es ist gewollt und gar nicht schlimm, denn es ist das essenziellste in der Aussage dieser Meisterwerke. Darum sagte ich, es ist Ihre Stärke.

(SCHÖNHEIT)

Wer schön sein will muss – sich hübsch kleiden.
Wer schön sein will muss – Süßes meiden.
Wer schön sein will muss – sich für Sport entscheiden.
Wer schön sein will – wird noch sehr darunter leiden.

Wimpern länger, Hosen enger, Haar voluminöser, Busen größer, Hüfte schmäler, Neben dem Essen der Kalorienzähler – Lippen voller und betont – Barbie wurde geklont.

“I’m a Barbie girl, in a Barbie world.”

90, 60, 90 ist leider keine Rufnummer von Teleshops. Es sind die Maße von Spaghettiträger-Tops, Soletti-Leggins und hochhackigen Stelzen, vor denen im Schaufenster die Mädls dahin schmelzen.

“Ach, wie gerne hätt’ ich so’ne Figur! Wie schafft die das nur so auszusehen? Ich sollte morgen früh gleich zum Sport gehen!”

“Life in Plastic it’s fantastic – You could brush my hair and undress me anywhere – Just imagination life is your creation.”

Ich arbeite hart an mir, ich kämpfe und probier einfach alles “was nur geht”, aber mir kommt vor als ob alles stillsteht. Die Welt hat sich aufgehört zu drehen, aber in meinem Kopf kreisen sich die Gedanken nur noch um Sport und die unnötigen Kalorien, denen ich versuche zu widerstehen. Das wahre Essen hab ich schon vergessen. Geschmack, Genuss oder einfach nur satt zu sein, ist bei mir längst offline. Stattdessen surfe ich im Netz und suche nach weiteren Ernährungstricks und erhoffe mir eine Antwort von Dr. Googles Gesundheitstipps. Warum habe ich plötzlich so viele Mitesser, die doch gar nicht das tun was sie sollen – mit essen – das würde ich wollen. Das würde bedeuten, ich könnte abnehmen durch diese fetten Dinger im Gesicht, aber nein – das tun sie natürlich nicht. Warum kann ich seit Wochen nicht mehr auf die Toilette gehen? Warum schmerzt mein Bauch so sehr, als hätte ich Wehen?

“I’m a Barbie girl, in a Barbie world!”

Ich betrachte mich im Spiegel und seh da plötzlich sie. Die Schaufensterpuppe mit der perfekten Anatomie. Ich war perfekt gelungen. Die Versuchung hab ich mit dem heutigen Tage bezwungen.

Doch das Spieglein an der Wand zeigte mir nicht das schönste in diesem Gewand, darum hab ich mich schnell abgewandt weil ich plötzlich verstand. Was hab ich gemacht? Was hab ich mir nur dabei gedacht?

“Imagination this life wasn’t my creation. – Because – I’m a Barbie girl. In a Barbie world!”

Nun ziehr ich die Schaufenster verschiedener Läden und hoffe darauf, es wird nicht mehr so viele dieser Mädchen geben, die vor mir stehen und sich nach meinem Aussehn sehnen. Ich bin nicht perfekt. Ich bin nichtmal schön … ich bin kaputt – doch das kann man nicht sehn. Geh weiter, sei glücklich mit dir so wie du bist – und schau, dass du meine unmenschliche Figur so schnell wie möglich vergisst. Ich bin aus Plastik – ich bin nicht echt! Mit meinem Körper ginge es dir schlecht. Glück, Gesundheit und Liebe würdest du nicht mehr empfinden, denn deine Gedanken werden sich nur noch mit deinem Aussehen verbinden. Geh weiter und schau mich nicht an, ich bin ein entstelltes Wesen, für das man sich nur schämen kann.

“Life in plastic, it’s NOT fantastic!”

Schaufensterpuppen bestehen zu 100% aus Plastik. Werden in ein und derselben Form gepresst, mit Perücken geschmückt und ins Rampenlicht gerückt. Sie geben uns zu verstehen – so und nur so hast du auszusehen. FALSCH.
Kein Mensch besteht zu 100% aus Plastik und wird nicht aus ein und derselben Form gepresst – so viel steht schonmal fest. Warum bleiben wir dann trotzdem stehen und fragen uns, was wir machen könnten, um so auszusehen?

“You should love to brush your hair or undress you everywhere!”

“Just Imagination life is your OWN creation!”

Wer gegen sich selbst kämpft, der kann nur verlieren. Drum hör auf dich selbst zu frustrieren und liebe deinen Körper so wie er ist, denn du bist schön – so wie du bist!