2015 Beatrix Obernosterer | Stadtgalerie Klagenfurt

Zur Ausstellung KINDER_heimat_BOXen von Barbara Ambrusch-Rapp spricht Beatrix Obernosterer

Als die Künstlerin Barbara Ambrusch-Rapp vor etwa drei Jahren zum ersten Mal in ihrem Bekanntenkreis Diskussionen zum Thema „Was bedeutet eigentlich für den Einzelnen der Begriff HEIMAT“ führte, kristallisierte sich rasch heraus, dass mit „Heimat“ oft, eigentlich vorwiegend, die Kindheit / Kindheitserinnerung verbunden wird.
Der nächste Gedanke war, aus den Ergebnissen dieser Gespräche ein Ausstellungsprojekt zu initiieren – bereits mit dem Fokus auf die Verbindung Heimat-KINDHEIT.

Zunächst waren es Freunde, persönliche Bekannte, die Barbara Ambrusch-Rapp nach persönlichen Relikten aus der Kindheit, die für sie HEIMAT bedeuten, bat. Danach dehnte sie diese Anfrage auf eine andere „Freundschafts“-Ebene, dem Internet, aus. Schließlich wurde die Künstlerin von einer Bekannten, die als Trainerin an der Kärntner Volkshochschule im Rahmen eines Grundbildungsworkshops für Flüchtlinge arbeitet, eingeladen, diesen „Heimatbegriff“ auch mit Asylanten zu diskutieren. Gemeinsam wurde mit ihnen überlegt, was denn für SIE Heimat ist – positiv wie negativ. Dass hier natürlich Relikte der Kindheit, der ursprünglichen Heimat, durch Flucht nicht mehr greifbar waren, ist klar. Gemeinsam ging man deshalb gedanklich auf die Suche nach Gegenständen, Personen, Orten, Zuständen oder Erlebnissen, die sie an ihr ganz persönliches Daheim erinnern.
Da es unmöglich war, die entsprechenden Relikte im Original zu beschaffen, wurden sie gemeinsam mit der Künstlern nachgebaut.

Ursprüngliche Heimat der Flüchtlinge – vergangene Kindheit der hier Geborenen:
Brausepulver als magisches Zauberpulver, das kleine Stoffhäschen als treuer Begleiter oder eine Musikkassette mit selbstgemachter Hausmusik, die den Einzelnen in seiner Kindheit ein Stück des Weges begleitet haben und jetzt als Erinnerung wieder hervorgekramt wurden. Dinge, die positiv behaftet sind, an denen man deutlich nachvollziehen kann, dass sie verbunden werden mit glücklichen Erlebnissen, einer Zeit, in der man sich geborgen fühlte, sicher aufgehoben, wo man einfach geliebt worden war, ohne sich verstellen, anpassen zu müssen, wo man nur ganz „man selbst“ sein konnte – ein Gefühl zu Hause zu sein, Heimat zu haben.
Relikte und Symbole, die an wichtige Personen der Kindheit erinnern. An Personen, die die Kindheitstage verschönert haben – Kürbiskerne als Symbol für eine Großmutter, die der neun Jahre alten Enkelin gezeigt hat, wie man daraus eine köstliche Suppe zaubert, und die heute beim Kochen dieses Rezeptes in der Fremde immer an die Großmutter und an ihre ferne Heimat Kongo denkt. Oder der Flüchtling aus Ghana, der HEIMAT mit einem Mikro verbindet, denn der geliebte Bruder hat mit seinem Gesang den Hunger, die Krankheit vergessen lassen.

Doch es gibt auch die weniger schöne Seite – auch wenn der Großteil der Befragten den Begriff Heimat / Kindheit positiv bewertet hat: Es gibt sie – diese Tischsets aus dem Haus der Großeltern, in denen man so gerne die Kindheit verbracht hätte und doch nicht durfte, denn dort war der einzige Ort OHNE Demütigung und Schläge. Das blutige Messer, das ein Leben lang an den tödlichen Kampf der Eltern erinnern wird.

Es gibt also mehrere, völlig konträre Heimatbegriffe. Und mit dem Wort BOX im Ausstellungstitel weist die Künstlerin Barbara Ambrusch-Rapp auch darauf hin:
BOX, das ist für sie ein Begriff vergleichbar mit „Schublade“, also ein Kategorisieren.
Und es ist ihr wichtig, diese Box zu öffnen.

All diese Erinnerungen, diese völlig unterschiedlichen Zugänge zur Begrifflichkeit HEIMAT hat sie konserviert, indem sie die ihr anvertrauten Gegenstände luftdicht in Folie eingepackt und verschweißt hat. Dieses Konservieren durch Verschweißung ist ein Synonym für das Einbrennen von Erinnerungen. Ein Einbrennen, ohne dass man es oft wirklich selber möchte.

Eigens verfasste Briefe der Besitzer dieser Relikte, die in dieser Ausstellung direkt neben den Relikten präsentiert werden, zeugen von einem sehr persönlichen Zugang zum Begriff „Heimat“, legen ihn unzensuriert in dieser Ausstellung offen. – Und genau dieser PERSÖNLICHE Zugang zum Begriff „Heimat“ ist der Künstlerin wichtig, nicht der politische oder der gesellschaftspolitische.
Ihren ganz eigenen, persönlichen Zugang, IHRE Interpretation zu diesem Thema hat SIE noch nicht gefunden. Und so ist dieses Projekt, diese Ausstellung auch IHR Versuch, über fremde Zugänge eine Annäherung zum Begriff Heimat zu finden: Die in dieser Ausstellung präsentierten Papier-Collage-Arbeiten von Barbara Ambrusch-Rapp sind in direkter Reaktion auf die geführten Gespräche und die ihr anvertrauten Gegenstände entstanden.
17 Collage-Arbeiten stehen 22 Relikten gegenüber.
Und es wird deutlich: es ist ein doch eher schwermütiger, poröser Zugang, den die Künstlerin findet. Die zarte muslimische Gebetskette wird bei ihr zur wuchtigen Gliederkette, die niederzwingt und keinen Raum zu eigenen Schritten lässt.

Das unschuldige Kinderbuch „Globis abenteuerliche Fahrt in andere Welten“, Geschenk der Schweizer Taufpatin, dem stets der wunderbare Geruch von weißer Schweizer Schokolade umgab und für den Besitzer ein kleines Fenster in die große Welt bedeutete, mutiert bei Barbara Ambrusch-Rapp fast zu einem Albtraum: ein kleines Kind, ganz in Schwarz, steht verloren, ängstlich – wie in einem riesigen Aquarium – vor einer Wand mit einem überdimensionalem Foto eines Kriegsheeres, das auf dem Kopf steht, umgeben von lieblichem, bizarr anmutendem Blumengekritzel. Die schwarze Silhouette des Kindes ist in grelles Licht getaucht, das das Kind magisch – wie von Außerirdischen – mitten in das Kriegsheer zu ziehen scheint, um es zu verschlingen.

Nicht nur die Collagen, sondern auch ihre Installation von einem fragmentarisch stilisierten Apfelkeller zeugen davon, dass für Barbara Ambrusch-Rapp ihre Kindheit mit dunklen, negativen Erinnerungen behaftet ist und ihre Kindheit wohl nie „Heimat“ im positiven Sinn sein kann. Die Installation ist eine Erinnerung an den Lehm-Keller ihres Elternhauses, in dem schon ihre Großeltern gelebt haben. Dunkel, feucht.
Ging man die Treppe hinab, waren da rechts die gelagerten Äpfel – nach gewisser Zeit umgab sie ein modriger Geruch. Links davon ein Erdhügel. Nach neugierigem Nachfragen der Kinder, was dieser Hügel verbirgt, die schockierende Antwort: vergrabene Fehlgeburten. – Abschreckendes Märchen für allzu neugierige Kinder, Legende oder Wahrheit? Egal. Bis heute ein Trauma für die Künstlerin, ein gestörtes Verhältnis zu einem wichtigen Ort ihrer Kindheit, aus dem sie regelmäßig Äpfel holen musste. Mit der Konservierung von Äpfeln mittels Lack (die natürlich trotzdem langsam vor sich hin faulen) und mittels unschuldigem, jungfräulichem Weiß, das die gesamte Installation auszeichnet, versucht Barbara Ambrusch-Rapp sich diese grausame Kindheitserinnerung schöner zu machen. Vielleicht auch ein wenig zu vergessen, dass Kind-Sein zu oft zu wenig mit dem positiven Begriff von Heimat zu tun hat und wir alle dieses Gefühl kennen, todunglücklich bei einem Gruppenfoto in der Schule „Ameisenscheisse“ rufen zu müssen, um auf dem offiziellen Foto glücklich auszusehen, eine „Es ist ja alles so schön“-Fassade aufrecht erhaltend. Und so benennt die Künstlerin auch ihr Video in dieser Ausstellung „Ameisenscheisse“ und macht darin das tabuisierte Thema „Gewalt an Kindern“ zum Mittelpunkt.

Beatrix Obernosterer, Stadtgalerie Klagenfurt im September 2015
Link zur Ausstellung: KINDER_heimat_BOXen