2014 | globe-M | Keine Kategorien bitte

Interview mit Constanze Musterer für globe-M | Keine Kategorien bitte

Barbara Rapp ist eine multimediale Künstlerin. Mit unterschiedlichen Techniken wie Malerei, Collage und Grafik, Fotografie und Video, Objekt, Installation und Performance thematisiert sie gesellschaftliche Zustände und soziokulturelle Entwicklungen. Insbesondere die Rolle der Frau und die Bildsprache von Werbung und Medien beleuchtet sie humorvoll bis sarkastisch. Mit ihrer ganz eigenen künstlerischen Sprache steht sie zwischen den gängigen Kategorien. globe-M sprach mit ihr.

globe-M: Frau Rapp, Sie arbeiten als Künstlerin sehr vielschichtig, mit Collagen, Fotos, Malereien, Performances, Videos und Installationen. Ist ein Medium zu eng für Sie?

Barbara Rapp: Das liegt wohl daran, dass meine Ausgangsbasis für eine bestimmte Arbeit oder Werkserie auf Inhalt und Intention fokussiert ist. Erst wenn diese Parameter feststehen, entscheidet sich die Art der Umsetzung. Ich kann mich nicht stur auf ein Medium beschränken, etwa wenn ich die Situation der begehbaren Räumlichkeit für einen „IndividualistenFriedhof“ brauche, oder die Interaktion mit Passantinnen und Passanten nach einer Performance, oder bewusst plakative Ausdrucksformen mal nach dem „platten“ zweidimensionalen Bild verlangen.

All Ihre Werke beziehen sich auf die Frau oder das Frauenbild. Die Darstellungen oszillieren zwischen Ironie, Spaß, Lust und Sarkasmus. Welche Inhalte möchten Sie mit Ihren Werken transportieren?

Mein problematisches Verhältnis zu fundamentalistischen Wertesystemen manifestiert sich auch in der Sichtweise auf die Geschlechterrollenthematik und das heutige Frauenbild. Zahlreich existente Lebensrealitäten und deren Überschneidungen machen es mir praktisch unmöglich, in einseitigen Extremen zu denken. Ich arbeite mich immer wieder daran ab, eine lebbare Balance zwischen oft sehr weit auseinanderklaffenden Positionen zu sehen. Zustände eines Zerriebenwerdens oder – je nach individueller Wahrnehmung –, die Wahlmöglichkeit zwischen Identitäten oder Lebensentwürfen interessieren mich sehr.

In meiner künstlerischen Arbeit verstehe ich mich einerseits als Filter, der unterschiedliche Bewältigungsmechanismen heutiger Herausforderungen aufnimmt und – subjektiv interpretiert – zur Diskussion in den Raum stellt. Andererseits reizt mich vor allem das Offenlassen und Sichtbarmachen neuer Realitäten oder solcher, die in wenig beachteten Nischen ohnehin längst existieren. Ob es nun die gefühlte Ohnmacht angesichts der Unmöglichkeit einer für alle zufriedenstellenden Koexistenz ist, oder das Bedürfnis, nicht als verbitterte Hardcore-Feministin missverstanden zu werden? Wohl beides. Ich nutze jedenfalls Humor, Sarkasmus und auch Selbstironie für die nötige Distanz zu den in meiner Arbeit aufgegriffenen Inhalten.

Wie kommen Sie zu Ihren Bildideen?

Indem ich Augen und Ohren offenhalte, das „Aufgesaugte“ sortiere und das sich dabei Herauskristallisierende so lange drehe und wende, bis ich das Gefühl habe, zu einer akzeptablen Umsetzbarkeit gefunden zu haben. Das kann schon mal dauern und ist auch der Grund dafür, dass ich nicht zu den Massenproduzentinnen in der Künstlerschaft zähle.

Sehr oft kommt in Ihren Arbeiten der weibliche Busen oder Münder vor, und sehr viel Rot, eine durch und durch ambivalente Farbe. Zusammen sind dies auch die primären Organe und Signale der Werbe- und Konsumwelt. Sie steigern diese Wirkungen noch einmal. Was bedeuten diese Ausschnitte von Weiblichkeit für Sie?

Brüste, Popos, Lippen, Hüften, Schultern, Gesichter und überhaupt Körper in ihrem Facettenreichtum faszinieren mich grundsätzlich. Abgesehen davon werden in der von Ihnen angesprochenen Parallelwelt der Werbung und diverser Medien zumeist die mit Weiblichkeit assoziierten Körperlichkeiten funktionalisiert oder völlig verzerrten Scheinrealitäten unterworfen. Mit einer überzeichneten und teils bewusst plakativen Darstellung thematisiere ich die Absurdität dieser fiktiven Ideale. Ich nutze dieses Werkzeug auch, um als Adressatin solcher Manipulationen aus der Passivität herauszutreten und die Kontrolle darüber zurück zu gewinnen. In der Tat setze ich die Motive sehr bewusst ein. Manche Bilder überfrachte ich regelrecht mit teils surreal verfremdetem Fleischlichen, auch da, wo der Inhalt nicht auf Anhieb damit assoziiert wird. Die „IndividualistenMaschine“ ist ein Beispiel dafür. Hier geht es um das Verhältnis von Individuen zu dem Gesellschaftssystem, in dem sie verankert sind. Die „Maschine“ ist ein hautfarbener Klotz und die Reduzierung der einzelnen Mitglieder auf Gesichter und teils deformierte Körperteile ist eine Anspielung auf die oberflächliche Beurteilung eines Gegenübers anhand von Äußerlichkeiten.

Wesentlich naheliegender sind deutlich sichtbare und ebenso deformierte Körperteile, etwa in der Arbeit „erfolg macht sexy | wo ist hier die mitte?“. Sie sind eine Persiflage auf die immer dünner werdenden Magermodels der Laufstege und Modemagazine. Regelmäßig aufblitzende Gegentrends, die eine so genannte Durchschnittsfigur präferieren, können sich offensichtlich nicht wirklich durchsetzen und kippen manchmal sogar in das andere Extrem.

Sehen Sie sich als weibliche Nachfolgerin des Wiener Aktionismus? Hat diese Kunstrichtung Sie geprägt?

Dazu fällt mir eine vor Jahren geführte Diskussion ein, mit einem Kunstmarktmitspieler aus Köln, dessen Meinung ich mir immer wieder gerne vor Augen führe. Ich durchlebte damals eine Phase, in der ich das Bedürfnis hatte, meine künstlerische Praxis explizit zu verorten, ihr einen bestimmten Platz zuzuweisen. Mit dem Verlauf des Findungsprozesses war ich allerdings unzufrieden. Auf die Frage, welchem Genre er denn meine Arbeit zuordnen würde, welche historischen Bezüge er von seiner Warte aus sieht, hat er mir mit seiner erfrischenden Antwort, ich möge solche Kategorisierungen doch den Wissenschaftsleuten überlassen und mich um meine Kunst kümmern, zu einem angenehm gelassenen Verhältnis gegenüber Klassifizierungen verholfen.

Einer der prägendsten Eindrücke war jedenfalls 2005 mein Aufenthalt in New York mit einem dichten Programm von Atelier- und Galeriebesuchen. Was ich dort an Zugängen zur künstlerischen Praxis erlebte, ließ schlussendlich „den Knopf aufgehen“, bis dahin war ich in selbst auferlegten kunsttheoretischen und praktischen Zwängen gefangen.

Wie wird Ihre Kunst in Österreich, das ja katholisch und doch eher konservativ geprägt ist, angenommen?

Das kann ich nicht pauschal beurteilen. Im Rahmen einer meiner Ausstellungen in Kärnten wurde zwar die Galeristin von einem Kunden entrüstet darauf angesprochen, wie denn eine Frau derart hässliche Bilder von Frauen malen könne. Aber auch in Deutschland gab es Irritationen, als einige meiner Arbeiten im Rahmen einer BBK-Ausstellungsreihe in zwei nordrhein-westfälischen Kirchen zu sehen waren: Während der katholische Pfarrer die Bilder als Abwechslung zum „ganzjährig hängenden nackten muskulösen Mann an der Stirnwand“ bezeichnete, sprachen einige Kirchgängerinnen von „unheiligen Bildern“ und hängten sie teilweise wieder ab. Voriges Jahr erteilte der ebenfalls katholische Pfarrer meines Heimatortes Maria Elend im Rosental die Freigabe zur Performance „GenderBox.onetwothree“ im Rahmen eines Kirchfeiertages mit den Worten: „Ja, machen Sie das!“ Das gleiche Performanceformat bei einem Gewerkschaftskongress in Wien löste von dankbarer Zustimmung bis zur offen gezeigten Ablehnung ambivalente Reaktionen aus. Dagegen zeichnete die evangelische Kirchengemeinschaft mein Objekt „GRSS GTTn“ mit dem Kunstpreis der Johanneskirche Klagenfurt aus.

Gelegentlich wird ein möglicher Bezug der Arbeiten zu meiner persönlichen Biografie diskutiert, auch im „geschützten“ Bereich einer Galerieausstellung oder eines Kunstraumes, besonders wenn es um tabuisierte Inhalte wie Genitalverstümmelung oder Missbrauch geht, was aber nicht nur auf Österreich zutrifft. Grundsätzlich scheint zumindest die Intention erreicht, mit meiner Arbeit den Diskurs zu den transportierten Inhalten anzuregen.

Mit dem Video „Ameisenscheiße“ thematisieren Sie Gewalt gegen Kinder, in der Serie „Hottest News“ verwenden Sie politische Statements. Sehen Sie sich als politische Künstlerin? Was hieße das für Sie?

Ich bin ein politisch denkender Mensch und die Urheberin meiner Kunst – that’s it. Die teilweise heftigen Diskussionen darüber, wann genau eigentlich Kunst politisch ist, und inwieweit Kunst überhaupt politisch sein soll oder darf, finde ich ein wenig an den Haaren herbeigezogen.

Können Sie bitte noch ein paar Worte zu Ihrer Collage „geschlechterDialog fehlinterpretiert“ sagen, die als Preis für den Gewinner des Online-Spiels bei globe-M ausgewählt wurde?

In meinem Umfeld sowie auf Social Media-Plattformen und in den Medien scheint sich die Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen zum Reizthema zu entwickeln. Ich erlebe eine immer weiter voranschreitende Polarisierung. Dabei werden traditionelle Ansichten in ihren extremen Positionen durch Panikmache oder ebenso extreme Antithesen gegen zeitgemäße Lebensrealitäten ausgespielt. Die echte Dialogbereitschaft unter gegenseitiger Rücksichtnahme auf unterschiedliche Sozialisierungen geht offenbar verloren. Fazit und Bildinhalt: Angst und Unsicherheit auslösende Fehlinterpretationen sind praktisch vorprogrammiert, auch was die eigene Identität betrifft.
Toi Toi Toi allen Mitspielerinnen und Mitspielern!

Das wünschen wir auch. Herzlichen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Constanze Musterer für globe-MM am 13.08.2014
Constanze Musterer diskurs/kunst
Werkabbildung: „geschlechterDialog fehlinterpretiert“ Barbara Rapp