2012 Von Systemratten | Essay

Von Systemratten und Fachidioten

Barbara Rapp zum Werk von Ronald Zechner
Katalog „Ronald Zechner | Roboter der Vernunft“ 2012

Es riecht nach Material, nach handfester Dinglichkeit, wenn Ronald Zechner die Tür zu seinem Atelier, seiner „Werk-Statt“ aufmacht und einen in eine Art von realsatirischer Wunderkammer hineinlässt. [Runterscrollen zum Weiterlesen unter dem Bild]

Eigenwillige Gestalten aus Holzblöcken und Glasstürzen, Gummihandschuhen und Laborutensilien und allerlei sonstiger mechanischer Gerätschaften nehmen sich in vorerst stabiler Präsenz ihren Raum. In Sekundenschnelle löst sich diese beinahe idyllische Stabilität allerdings auf, wenn Zechners „stumme Diener“ ihre bewegungsdynamische Potenz offenbaren. Mannshoch steht etwa eine Multifunktionsmaschine auf „einem Quadratmeter Staat“ und lässt ihre System-Ratten-Druckwalze rumpeln, auf dass die dazu verdonnerten System-Erhalter bloß nicht aussterben, auch wenn sie als seelenlose Schattenfiguren einer verschlissenen Heile-Welt-Phantasie im Strudel der Resignation von innen heraus zerfressen werden. Erscheinen doch die hervorragende Reproduktionsfähigkeit der Ratte und ihre Mutationsfreudigkeit als außerordentlich zweckmäßig für jene korrupten Bemächtigten, die sie mit Futter versorgen! Und wenn dieses praktischerweise aus den kreislaufbedingten Ausscheidungen der eigenen einzig richtigen Weltanschauung recycelt wird, kommt das gerade recht – ideologische Inzucht nicht ausgeschlossen.

Um sich ihrer fachidiotischen Qualitäten, wohlerworben in den Eliteschmieden der Staatenmacher, wirklich sicher sein zu dürfen, bietet besagte Maschine dem gewillten Betrachter das Zusatzfeature einer selbstbeweihräuchernden Zertifizierung – auf dass Ratten unter Ratten einander auch erkennen mögen. Als Synonym für inflationäre „Geld“-Vermehrungsprozesse ist eine Bankomatfunktion inbegriffen, als plastifizierter Multiplikator im Sinne der beliebigen Verfügbarkeit vermeintlicher Werte – Lichtjahre entfernt von wirtschaftlichen Realitäten und im bemerkenswerten Kontrast zu christlichen, auch speziell katholischen (Doppel-)Moralvorstellungen.

Reales Vorhandensein – als Gegenspiel dazu, sprich, die Existenz von Materie, von Material – ist eines der Fundamente von Ronald Zechners künstlerischer Praxis. Er fühlt sich einem anatomischen Grundprinzip verpflichtet, einer dynamisch veränderlichen Physiognomie. Der – in bewusst subjektiver Art getroffenen Auswahl – wachsende Fundus an Werkstoffen, Rohlingen, Alltagsrelikten und Gegenständen ist Ausgangsbasis seiner gestalterischen Konzepte. Nicht nur scheinbare, sondern tatsächliche Beweglichkeit hat Priorität – nicht das unberührbare Hochglanzobjekt ist sein Ziel, sondern neben der inhaltlichen und visuellen Wirkung vor allem auch der haptische Reiz dieser Module einer gesellschaftlichen Bestandsaufnahme. Da wird so lange verschachtelt, gestapelt, verschoben und neu geordnet, bis sich die Möglichkeit einer körperlichen Existenzfähigkeit in Zechners Objekten manifestiert.

Von den oft eingebauten schwülstig barocken Stilelementen, als Stellvertreter einer ebensolchen Denkweise, schlägt er sowohl inhaltliche als auch formale Brücken in eine offenere, eine tendenziell freiere Grundhaltung – gerne auch als Referenz auf Man Ray im Speziellen und Dada im Allgemeinen.

Ronald Zechners skulpturale Arbeiten sind nicht zuletzt auch eine Hommage an das von Menschenhand geschaffene Werk, was sich in der Verwendung seiner Materialien widerspiegelt. High-Tech wandelt sich zum Fluch der westlichen Zivilisation, wo in computergesteuerten Roboterindustriestraßen die menschliche Arbeitskraft obsolet wird und das wachsende Ungleichgewicht am Arbeitsmarkt in immer abstruser konstruierten neuen Berufsbildern mündet. Die von staatlichen und auch privat geführten Institutionen herangezüchteten Systemerhalter mutieren zur Abstraktion des Individuums bis hin zur völligen Entmündigung – der Mensch rationalisiert sich selbst einfach weg.

Ein bedeutender philosophischer Ansatz in Zechners Werk ist folgedessen auch der Franzose Paul Virilio, bzw. dessen wissenschaftliche Betrachtung der gesellschaftlichen Entwicklung in Bezug zur Geschwindigkeit und der fatalen Auswirkung des von ihm erforschten Phänomens: „Geschwindigkeit vernichtet den Raum und verdichtet die Zeit.“
(vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Dromologie)

„time & machine“ ist eines der diesbezüglichen Bildwerke, in denen Zechner seine Objekte und veränderlichen Installationen im Rahmen fotografischer Inszenierungen auch als Modelle einsetzt. Diese Fotoarbeiten als Übertragung der Drei- auf die Zweidimensionalität, als autonom gesteuertes Einfrieren eines unwiederbringlichen Moments, stellen für ihn den teildokumentarischen Abschluss des jeweiligen Schaffensprozesses dar. Allerdings legt er auch hier großen Wert auf räumliche Wirkung – was wohl als Einfluss aus seinem Studium der Bühnenbildhauerei (1995 – 1999) zu sehen ist.

Prinzipiell stellt Ronald Zechner seine Kunst nicht in den Dienst einer moralisierenden Selbstherrlichkeit. Vielmehr reflektiert er auf gesellschaftliche Zustände der heutigen Zeit – mit Fokus auf vergangene, aktuelle und zukünftige Konstrukte, mögen diese religiöser, politischer, kultureller oder auch utopischer Art sein. Die nötige Distanz schafft er sich über den satirischen Aspekt oder baut skurrile Elemente in seine Arbeit ein.

Sich selbst sieht er als Systemkabarettisten, was der schmerzlichen Wahrheit in Ronald Zechners Werk ein klein wenig von der beißenden Schärfe nimmt und den Betrachter so nicht völlig hoffnungslos zurücklässt.

Barbara Rapp
2012 | Velden am Wörthersee
www.ronaldzechner.com