2010 Halb voll oder halb leer? | Essay

Katalogprojekt SAISONENDE der „Gruppe 18“ Prager Fotoschule

Essay | Barbara Rapp | Dezember 2010

Halb voll oder halb leer?

Saisonende – für die einen der erfolgreiche Abschluss als Krönung arbeitsreicher Wochen und Monate, Vorfreude auf Entspannung und Neuorientierung, für die anderen das tiefschwarze Loch nach dem sommerlichen High-Society Marathon oder schlicht und einfach nahendes Ende von Allem. Und dazwischen unzählige Graustufen von kalten Statistiken über melancholisch nostalgische Resümees, die eine oder andere liebgewonnene Erinnerung bis hin zu durchaus von Optimismus geprägten Ausblicken.In ebensolchen Graustufen, unbedingt im doppelten Wortsinne und metaphorisch verstanden, allerdings viel weiter noch in teils intensive Farbakzentuierungen und philosophische Betrachtungen hinein, bewegen sich die ausgewählten Fotoarbeiten zur an sich eher banalen, doch umso facettenreicher interpretierten Thematik – Saisonende.

So holt Peter Hofstätter das allerorts anzutreffende Spiel zwischen Form und Farbe aktiv hinter dem Schleier des Herbstregens hervor. Mit gezieltem Fokus reagiert er auf vorgefundene und scheinbar bis ins Detail durchdachte, ästhetisch sehr ansprechende Kompositionen, die dem Schauenden Rückschlüsse in verschiedene Richtungen offen lassen.
Melancholie scheint vordergründig betrachtet Dagmar Höbarths Inspiration zu sein, angesichts des gefallenen Reiters oder der im Regenwasser ersaufenden Sommerblüte. Doch das in ihren Bildwelten stimmig eingesetzte Spannungsverhältnis zwischen Schärfe und Unschärfe verleiht auch der lebendigen Dynamik des Seins gebührende Präsenz.
Auch Ursula Kothgasser wandelt, wie Kollege Hofstätter, auf geometrisch strukturierten Pfaden. Ihre ebenso stilsicher ausgewählten Arrangements überzeugen in subtil zurückgenommenem Kolorit und harmonisch dezenter Motivauswahl, doch verfallen sie ob ihrer feinsinnigen Doppeldeutigkeiten niemals in gefällige Harmlosigkeit.
Einen kräftigen Gang schärfer ist Ewald Kutzenberger unterwegs und setzt humorvollen Sarkasmus gekonnt in Szene. Während er sich in stimmungsvoller Strandcafe-Spiegelung um das leibliche Wohl kärntnerischer High-Society-Schönlinge zu sorgen scheint, knallt er dem anfangs noch hoffnungsfroh umherirrenden Herbsturlauber geschmackvoll visualisiert die sprichwörtliche Tür vor der Nase zu.
Wilhelm Lindners Werkzeug ist der Kontrast – zwischen damals und heute, dem Sein und dem Nichtsein. Der Rezipient wird zum Zeitzeugen und Voyeuristen funktionalisiert, ohne Chance auf meinungsloses Davonstehlen. Einfach und klar die Bildaussage, einfach und klar der Anspruch an Qualität.
In Astrid Meyers Relikten eines wilden Sommers scheint es vorerst menschenleer zu sein, doch wird man bei längerem Betrachten ihrer perspektivisch und kompositorisch reizvollen Aufnahmen den angenehmen Verdacht nicht los, dass gerade eben jemand durchs Bild gehuscht sein muss.
Auch Inge Streif arbeitet mit der vermeintlichen Absenz und haucht ihren gespenstisch anmutenden Reflektionen im Regen und auf dem Wasser auf subtile Art und Weise eine wohltuende Ahnung von Leben ein.
Klaus Zeugner präsentiert sich in umfangreicher Bandbreite von der wildromantischen Nachtaufnahme über fast surreale Wirklichkeiten bis zum saisonalen Abschlusstrunk – mit dem Glas halb voll oder halb leer – wie einer es eben sehen mag und schließt somit würdig den Kreis einer bemerkenswerten Tour um den herbstlichen See.