2009 Interview Simone Kraft | GFdK

Rotkäppchen nimmt die Fäden in die Hand | Interview zur Ausstellung | Simone Kraft mit Barbara Rapp am 11. Jänner 2009

(Quelle: Gesellschaft Freunde der Künste)

Simone Kraft: Im Februar nimmt Rotkäppchen die Fäden in die Hand in der Berliner Galerie am Gierkeplatz (5.-21. Februar 2009) – so verspricht es die Ausstellung von BARBARA RAPP, bei der 11 Collagen der österreichischen Künstlerin gezeigt werden. Die aus verzerrt gedruckten und kaschierten Fotoaufnahmen und mit Malerei und Zeichnung kombinierten Arbeiten sind „Betrachtungen . Erzählungen”, so der Titel der Collagen-Reihe, die sich mit der Rolle der Frau in der heutigen Zeit auseinandersetzt. Rapp will sensibilisieren für die soziokulturell bedingten und oft auch unbewusst selbst gemachten Hürden (nicht nur) der Frauen. So thematisiert sie etwa den immer exzessiver werdenden Schönheitswahn oder gesellschaftlich und/oder politisch beeinflusste Tendenzen im Zusammenleben von Mann und Frau, wie man sie im eigenen Umfeld oder durch die Medien beobachten kann. Ziel sei es, so betont Rapp, Fragen aufzuwerfen, ohne jedoch den Anspruch zu erheben, dem Betrachter absolute Antworten und Auflösung bieten zu können und zu wollen.

Die in Rot- und Grau-Tönen gehaltenen Collagen wirken provokant, ironisch, frech und entfalten eine starke Aussagekraft. Sie spielen mit dem weiblichen Körper, der dem Blick des Betrachter einerseits „voll” angeboten wird – volle Brüste überall, teils mit Körper, teils allein -, andererseits aber gerade durch das „Überangebot” und die verzerrte Darstellung – die weiblichen Figuren scheinen fast nur aus Kopf und Brust zu bestehen – überzeichnet und karikiert wird.

Weitere Antworten zu ihrer Arbeit gibt Barbara Rapp in einem Interview, das auch auf der Seite der Gesellschaft der Freunde der Künste erschienen ist:

Warum der Titel „Rotkäppchen nimmt die Fäden in die Hand „?

Das Rotkäppchen war ein märchenhaft naives Mädchen, das sich vom bösen Wolf allzu leicht hinters Licht führen und einfach geschehen ließ, was eben vermeintlich zu geschehen hat.
„Mein“ Rotkäppchen wächst aus dieser passiven Rolle heraus, übt sich in Eigenverantwortung, nimmt die besagten Fäden selbst in die Hand und lässt sich nicht mehr als Marionette durchs Leben führen.
Diese Philosophie zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Ausstellung. Kritisch und auch mit einem kleinen Augenzwinkern werden aktuelle Entwicklungen im allgemeinen Zusammenleben von Mann und Frau sowie auch in der wachsenden „Schönheitsindustrie“ verarbeitet. Ich erzähle, im übertragenen bzw. bildlichen Sinne, von meinen diesbezüglichen Beobachtungen und Betrachtungen. Über das in meinen Werken Angesprochene nachzudenken und im allerbesten Falle daraufhin, also aus den jeweiligen „Überlegungsresultaten“ heraus, auch zu handeln, dazu möchte ich mit meiner Arbeit anregen.

Wieviele Arbeiten werden gezeigt?

An der Wand werden elf Bilder (be- bzw. übermalte Collagen) gezeigt, ergänzt durch kleinere thematisch korrespondierende Blätter (Zeichnungen, Grafiken) in einer aufgelegten Mappe.

Ist diese Ausstellung die erste, die Ihre Arbeiten in Deutschland zeigt?

Dies ist meine erste Einzelausstellung in Deutschland. Über Gemeinschaftsprojekte und Gruppenausstellungen wurden meine Werke zuvor jedoch auch schon in Leipzig, Frankfurt, Bochum und Düsseldorf gezeigt. Im Mai/Juni 2009 steht eine Neuvorstellung meiner Arbeit in der Galerie Hexagone in Aachen auf dem Plan.
Neben bisherigen Ausstellungen und einer Messe in Österreich bin ich auch sehr weitläufig bis in die USA und nach Indien aktiv.

Die Auseinandersetzung mit Weiblichkeit und der Rolle der Frau in der Gesellschaft ist ein wichtiges Thema in Ihrem Schaffen?

Ja, denn trotz einiger Errungenschaften politischer und anderweitig aktiver Frauen bestehen immer noch Missverhältnisse im gesellschaftlichen, politischen und arbeitsmarkttechnischen Bereich, welche sich zum Teil auch direkt auf das persönliche Befinden der Frau auswirken. Darauf möchte ich aufmerksam machen und darin eingebettet auch auf das Dilemma im Bereich der Akzeptanz des eigenen Körpers, in welches sehr viele noch nicht in sich gefestigte Frauen immer wieder geraten.

Also ein Anprangern der Diskriminierung von Frauen?

Keinesfalls will ich in die Rolle der Anklägerin verfallen oder über die ach so unerträgliche Situation jammern und ich stelle auch nicht den Anspruch, allgemeingültige Lösungen anzubieten. Vorerst freue ich mich darüber, wenn meine Versuche einer Sensibilisierung auf diese Thematiken es schaffen, meine Geschlechtsgenossinnen dazu anzuregen, über sich selbst zu reflektieren sowie aus der in gewisser Weise doch ein klein wenig bequemen Opferrolle herauszuwachsen und selbstbewusst aktiv zu werden.
Natürlich sind alle männlichen Protagonisten in unserem Gesellschaftstheater ebenso zu diesbezüglichen Aktivitäten herzlich eingeladen.

Sie sind Autodidaktin – wie ist Ihre künstlerische Entwicklung verlaufen?

In den Anfangszeiten meines künstlerischen Schaffens habe ich gegenständlich gearbeitet – also gezeichnet und gemalt, was mir vor das Auge kam und mich in verschiedenen Techniken geübt.
In weiterer Folge suchte ich dann über die Abstraktion nach reduzierten Ausdrucksmöglichkeiten, meist in Form von Acrylmalereien und Materialbildern, welche sich thematisch hauptsächlich mit dem individuellen Lebensweg und seinen Wegkreuzungen auseinandersetzten. Diese Phase war ebenso ein intensives Erfahren des Farbspektrums, unterschiedlicher Formensprachen, des Arbeitens mit verschiedenen Materialen und des Einsatzes dieser und jener Maltechnik. Während der Zeit entstanden auch die ersten Skulpturen und lyrischen Texte.
Nach dem beinahe ein Jahrzehnt lang dauernden Ausflug in den ungegenständlichen Bereich hatte ich in den letzten Jahren zunehmend das Bedürfnis, die Aussage in meinen Arbeiten anschaulicher und direkter zu treffen. Hierfür erschien mir die Figuration wesentlich besser geeignet. Über mehr oder weniger realistische bzw. surreale Malereien in Acryl und Mischtechnik bin ich nun bei meiner aktuellen Bild- und Formensprache angekommen, mit der ich bevorzugt sowohl in der Malerei (Acryl und Collage/Mischtechnik) als auch im grafisch-zeichnerischen und druckgrafischen Bereich arbeite.
Ergänzend dazu lasse ich mir nach wie vor den Einsatz der Medien Fotografie, Skulptur und Text offen.

Haben Sie besondere Vorbilder, die Sie beeinflusst haben?

Sehr beeindruckt bin ich von Frida Kahlo wegen ihrer schonungslosen und intensiven Beschäftigung mit ihrem Schicksal, und auch von Maria Lassnig, wenn es um das Einlassen auf das Körperliche geht.

Wieso Kunst? Wie haben Sie zur Kunst gefunden? Was bedeutet es für Sie, sich künstlerisch auszudrücken?

Die Frage „Wieso Kunst?“ hat sich mir nie gestellt – sie ist für mich nicht etwas, wofür man sich entscheidet, sondern etwas, was in einem ist.
Was mir die Kunst bedeutet – dies hat sie mir auf ihre Weise gezeigt. In vergangenen Lebensphasen nach meiner Jugendzeit mit nicht unbedingt darauf ausgerichtetem Umfeld dachte ich, auf sie verzichten zu können. Erst als meine private Situation es mir wieder erlaubte, mich intensiv mit künstlerischen Belangen in allen Facetten zu beschäftigen, wurde mir klar, wie sehr ich eigentlich unter dem Entzug gelitten habe.

Simone Kraft, M.A., Heidelberg
Studium der europäischen Kunstgeschichte, Geschichte und Philosophie in Heidelberg und London, zur Zeit Promotion in Architekturgeschichte/theorie in Heidelberg und Tübingen, arbeitet als freie Kunstkritikerin, Lektorin und Kuratorin und publiziert u. a. im Portal Kunstgeschichte, art info Magazin, Kulturkalender BW.