2018 Interview mit Claudia Eherer | moments

Unverbesserliche Optimistin
BARBARA AMBRUSCH-RAPP

moments KÄRNTNERiN  | Wir sprachen mit der großartigen Multi-Media-Künstlerin über die Bedeutung von Kunst, ihre beeindruckende Arbeit und darüber, was man sich eigentlich unter einem Kärntner Künstlerleben vorstellen kann. Ein spannendes Gespräch mit einer geistreichen und herzlichen Frau, das wieder richtig Lust auf das „Erlebnis“ Kunst macht.

Barbara, wie lebt es sich als Künstlerin in Kärnten?
Ich bin hier aufgewachsen und lebe sehr gerne in Kärnten. In seinem gewaltigen Facettenreichtum eröffnet sich mir dieses Land als historisch gewachsene Fundgrube, aus der ich schöpfen darf. Im Austausch mit der Kollegenschaft wird natürlich über die oftmals prekären Lebensrealitäten in der Kärntner Kunstszene diskutiert. Meine eigene Arbeit ist soweit an keine Örtlichkeit gebunden, was ich als Vorteil gegenüber Kunstschaffenden an fixen Standorten sehe. So bin ich in einem verträglichen Ausmaß vom kulturpolitischen Mikroklima in Kärnten betroffen.

Womit beschäftigt sich deine Kunst, was willst du mit deinen Exponaten ausdrücken?
Es geht mir um die Sichtbarmachung von Tendenzen, die im Alltagsgespräch oft ausgespart werden. Etwa die Schönheitsindustrie mit ihren Auswüchsen in Werbung und Medien, die dazu beitragen, dass viele Menschen ihren Körper nicht vorbehaltlos annehmen können. Auch Homophobie oder Rassismus beschäftigen mich sehr – und ganz besonders die aktuellen Entwicklungen betreffend Rollenbilder in Familie und Beruf. Diskussionen anzuregen und tabuisierte Themen in den Fokus zu rücken, ist mein Anliegen. Dabei will ich aber auch neue Denkräume offen halten, wofür eine gewisse Distanz ganz hilfreich ist. Diese schaffe ich mir über humorvolle Aspekte in meiner Bildsprache, denn schlussendlich bin ich unverbesserliche Optimistin.

Du bezeichnest dich als Multi-Media-Artist. Was kann man sich konkret darunter vorstellen?
Bei der Umsetzung meiner Konzepte will ich mich nicht auf eine Disziplin festlegen müssen. Meist nutze ich das zweidimensionale Bild, die dreidimensionale Skulptur. Brauche ich mehr Raum, wird es eine Installation. Ist ein Handlungsstrang gefragt, gehe ich in die Videoarbeit oder Performance hinein. Diese Freiheit in der Wahl des Mediums schätze ich sehr, auch bei Kooperationsprojekten in den Bereichen Theater, Fashion-Art oder Kunst im öffentlichen Raum.

Am 20. April startet eine Ausstellung in Villach mit Werken von dir zum BegriL „Heimat“ – was erwartet die Besucher?
Unter dem Titel „KinderHeimatBox-Geschichten“ zeigt die Galerie Markushof Fragmente aus meinem 2012 gestarteten Projekt, für das es auch einen eigenen Blog* gibt. Seit Jahren sammle ich persönliche Relikte, die mir von Menschen unterschiedlicher Herkunft als Zugänge zu ihrer Kindheit und Heimat anvertraut werden. Diese berührenden Kleinode interpretiere ich neu als Bild und Objekt. Auch meine eigenen Annäherungen an ein „Daheim“ im weitesten Sinne – an das Damals und das Heute – werden Teil dieser Ausstellung sein.

Wie wichtig ist Kunst heutzutage, brauchen wir Kunst überhaupt?
Was für eine große Frage – ich weiß gar nicht, wo ich da anfangen soll! Die hohe gesellschaftliche Bedeutung der Kunst in ihren zahlreichen Funktionen wird ja laufend wissenschaftlich erforscht – seien diese etwa soziologischer, psychologischer, ökonomischer oder politischer Natur. Ein wichtiger Aspekt aus meiner Sicht ist der Anreiz, über das Sichtbare hinauszudenken. Assoziationsfelder tun sich auf, Interpretationsmöglichkeiten, weit über die reine Gegenstandsbeschreibung hinausgehend. Die Veränderung von Wahrnehmungsperspektiven, das reflexive Bewusstsein wird gefördert. Nicht umsonst zeigt die Hirnforschung auf, dass musische zu den bedeutendsten Schulfächern gehören. Ich bin davon überzeugt, dass ein Verzicht auf die vielfältigen Wirkungsfelder der Kunst eine Gesellschaft in ihrer Weiterentwicklung und Innovationskraft massiv einschränken würde. Wollen wir als Mensch uns nicht auf die Produktion von funktionierenden Systemsoldaten reduzieren, müssen wir der Kunst ihren Raum geben. Und sie weiterhin aus geschlossenen Zirkeln heraus „auf die Straße“ bringen, für so viele Leute wie möglich zugänglich machen.

Wie viel echte „harte“ Arbeit steckt hinter dem Beruf Künstler?
Die von x-verschiedenen Berufsfeldern in einer Person. Neben Recherche, Konzeptentwicklung inkl. Umsetzung, Philosophie und Kulturarbeit stehen auf meiner Agenda auch Marketing, Rechtskunde, Buchhaltung, Medienarbeit, Logistik, Krisenmanagement und vieles mehr – dazu ein klitzeklein wenig Glücksrittertum. Noch Fragen? 🙂

Was hast du für die kommenden Monate sonst noch geplant?
Ende April wirke ich an einer „schau.Räume“-Intervention in Spittal an der Drau mit. Ab 7. Juni steht meine Sommerschau in Seeboden am Programm, es folgen Gruppenausstellungen in Österreich und Deutschland. Praktisch durchgehend leite ich Kreativ-Workshops an verschiedenen Einrichtungen. In Villach darf ich ab dem Sommer die performative Bespielung von Leerständen mitgestalten, ansonsten arbeite ich mit der Kollegenschaft laufend an der Entwicklung verschiedener Kunst- und Kulturprojekte. Keine Zeit für Langeweile!

Alle Infos zur Künstlerin und ihrem Werk sowie aktuellen Ausstellungen: barbara-rapp.com
*KinderHeimatBox.wordpress.com

Interview: Claudia Eherer für moments KÄRNTNERiN April 2018, Seite 26 und 27
Foto: Martin Rauchenwald
April 2018-Ausgabe online als PDF (Seite 14): kaerntnerin.at