2017 Konrad Krainer | Von Welterklärungen…

Einige Gedanken zur iffArt-Vernissage am 6.12.2017 zum Thema „Von Welterklärungen und Ordnungssystemen“,
Grafik-Collage-Malerei von Barbara Ambrusch-Rapp

Mitmenschensuchbild

Schon der Einführungstext zur Ausstellung gefällt:

Wenn die Ordnung geläufiger Strukturen zu zerfallen scheint, stehen auch die Geschlechterrollen zur Debatte. Mit dem Blick in die Rollenklüfte versuche ich, offene Wunden der Gesellschaft zu berühren, deren Mitglieder an ihrer Identitätsfindung laborieren. Aktuelle und verstaubte Klischees erkunde ich mit satirischer und ironischer Überzeichnung. Auch familiäre und berufliche Erfahrungen prägen diese Arbeit. Wie kann ich antworten, wenn Stereotype auf die Realität des Lebens treffen: volle Fahrt auf Kollisionskurs – Kollateralschäden inklusive; dazu humorvolle Elemente, dem Optimismus zuliebe.

Kurz möchte ich dennoch die Frage stellen: Was hat eine Ausstellung mit dem Titel „Von Welterklärungen und Ordnungssystemen“ mit einer Universität zu tun? Aus der Perspektive der Universität kann das mit Bildung in Verbindung gebracht werden. Eine universitäre Bildung soll zum Vermögen verhelfen, selbst Antworten und Erklärungen auf Fragen zu entwickeln, anstatt mit vorgefertigten Antworten zu versorgen. Bedient man sich des Vokabulars des humboldtschen Bildungsideals, gehen aus der Universität Weltbürger hervor, kosmopolitische, autonome Individuen, die dazu in der Lage sind, den Problemen der Gesellschaft auf einer vernünftigen und wissenschaftlichen Basis zu begegnen. An dieser Stelle können universitäre Bildung und die Ausstellung zusammentreffen: Die Weltbürgerinnen und Weltbürger sollen dazu in der Lage sein, Welterklärungen zu geben und Weltordnungen zu schaffen.

Barbara Ambrusch-Rapps Arbeiten setzen bei vorherrschenden Ordnungssystemen an, etwa bei der einteilenden Weltordnung schlechthin, in männlich und weiblich. Ihr Anliegen ist es, Ordnungssysteme und Welterklärungen im sozialen und gesellschaftlichen Kontext festzustellen und zu untersuchen. In das Zentrum ihrer Untersuchungen stellt sie den weiblichen Körper: Welche Geschlechterrollen passen in eine kapitalistische Markt- und Gesellschaftsordnung? Was machen die Erwartungen und Anforderungen von sexualisierten Körpern in der Werbung mit den Körpern der Konsumierenden? Welche Kriterien bestimmen über den Wert eines Körpers oder den Wert eines Menschen? Barbara Ambrusch-Rapp sucht, wie es auf der Einladung steht, nach den „offene[n] Wunden der Gesellschaft“ und möchte sie im Kontext der Identitätsfindung künstlerisch darstellen. Was zu sehen ist, sind die Auswirkungen der „Ausweitung der Kampfzone“, wie es der französische Schriftsteller Michel Houellebecq 1994 genannt hat: Die Übertragung des freien Spiels der ökonomischen Kräfte auf ein Prinzip der Körperpolitik.

So zeigen die Arbeiten keine natürlichen Körper, sondern den Körper als ein Konglomerat von Außeneinflüssen. Dieses Außen bilden der kapitalistische Markt, die Gesellschaft, Klontechnologien, Mittel der Werbeindustrien – Allgemein verstanden, sind es die Welterklärungen und Ordnungssysteme. Die Bilder zeigen keinen Hintergrund, sondern Körper und verschiedene Elemente, die mit dem Körper in Verbindung stehen, vom ihm aufgesogen werden, aus Köpfen herauswachsen oder sie hineinwachsen. Das einprägsamste Beispiel dafür, sind die vertikalen Linien, die in verschiedenen Bilden den Barcode repräsentieren sollen. Die Linien verdecken den Körper oder werden vom Körper verdeckt, sie können als Gitterstäbe gesehen werden, hinter denen Eingesperrtes hervorlugt, oder Verbindungslinien sein, in deren Ordnungen bestimmte Körper- und Lebensformen in Erscheinung treten (ein passendes Beispiel dafür ist das Bild „Mitmenschensuchbild“ – im Gang im Erdgeschoß).

geschlechterDialog fehlinterpretiert

geschlechterDialog fehlinterpretiert

Aber es geht in ihren Werken nicht nur um die Bestimmung unserer Körper von außen. Es geht nicht nur darum zu fragen, welche Körper zum Markt oder die Gesellschaft passen, sondern auch darum, wie kapitalistische Prozesse Körper formen und wie Körper diese Ordnungen und Welterklärungen selbst wieder entstehen lassen. Körper sind, nach Judith Butler, Philosophie-Professorin in Berkeley und Gründerin der Gender-Studies, ein Konstrukt. Machtordnungen unserer Gesellschaft schreiben sich in Körper ein und ihre TrägerInnen werden selbst zu PerformerInnen dieser Ordnungen. So schreibt Butler über das Sein als Frau: „[…] eine Frau sein […] heißt, eine Frau geworden sein, heißt den Körper zu zwingen, sich einer historischen Idee von ,Frau‘ anzupassen, heißt den Körper zu einem kulturellen Zeichen machen, sich selbst in der gehorsamen Befolgung einer historisch beschränkten Möglichkeit materialisieren und dies als nachhaltiges und wiederholt körperliches Projekt tun.“ (Butler, 2002, S. 305)

Wie soll man die Arbeiten von Barbara Ambrusch-Rapp nun einordnen? Sind sie anklagend oder engagiert – oder beides? Geben sie den Weltbürgerinnen und -bürgern neue Erklärungen mit? Viele der gezeigten Bilder erzählen Geschichten und zeigen Konflikte, lassen es aber offen, wie man sich dem gezeigten Konflikt gegenüber verhalten soll. Man kann die verformten Figuren bedauern, man kann sich mit ihnen identifizieren, man kann auch über sie lachen. In vielen Bildern ist Humor ist ein wichtiges Element. Wie wirklich sind die dargestellten Körperbilder? Wenn Barbara Ambrusch-Rapp schreibt, sie bediene sich in ihrer Arbeit „aktueller und verstaubter Klischees“ und arbeite mit „satirischer und ironischer Überzeichnung“, dann kann man sich fragen, ob es vielleicht nicht nur darum geht, zu zeigen, was sich die Ordnungssysteme mit dem Körper erlauben, sondern auch, welchen Spaß sich Barbara Ambrusch-Rapp mit den Betrachterinnen und Betrachtern ihrer Bilder erlaubt. So endet die Ausstellung, wenn man das Stiegenhaus von unten nach oben besucht auch mit einem Bild, das den Titel „Märchentanten“ (2016) trägt.

schöner geht nicht

Besonders anregend fand ich die Collage „schöner geht nicht“, auf der man u.a. Kritisches zur Beauty-Industrie lesen kann. Ich sehe hier eine Parallele zu Fehlentwicklungen im Sport: Der Drang nach Erfolg, Ehre und Geld ist dort das schon zitierte „schneller, höher, weiter etc.“, und hier das „schöner, schlanker und freizügiger“. An der iff hatten wir einmal eine Publikation zum Thema „besser, billiger, mehr“, das schlug in dieselbe Kerbe. Es geht immer wieder um Welterklärungen und Ordnungssysteme, um die dringende Notwendigkeit darüber zu reflektieren und „Mitmenschenalarm“ auszulösen.

Barbara Ambrusch-Rapp gibt mit ihren Zeichnungen einen Anstoß für eine offene Zukunft der Welterklärungen und Geschlechternormen, die Menschen nicht in dualisierte und kapitalisierte Körper zwängt. Schließlich sollen auch die Weltbürgerinnen und -bürger an einer Universität nicht die Anwendung von vorgefertigten Ordnungssystemen erlernen, sondern auch gängige Ordnungssysteme von männlich und weiblich, arm und reich, fremd und bekannt identifizieren können, in Frage stellen und umordnen.

Konrad Krainer unter Mitarbeit von Thomas Hainscho und Maria Mucke vom iffArt Team
Fakultät für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung (iff) der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt

Nachsatz:

Die Vernissage wurde von zwei Performances begleitet. Die erste trug den Titel „Willst du mit mir gehen?“ und stammte von Barbara Ambrusch-Rapp selbst. Die zweite war eine „GenderBox.one-two-three“, die von der Regisseurin und Schauspielerin Kathrin Ackerl Konstantin aufgebaut wurde und von welcher aus diese zum Publikum sprach.

Butler, J. (2002). Performative Akte und Geschlechterkonstitution. Phänomenologie und feministische Theorie. In U. Wirth (Hrsg.), Performanz (S. 301–320). Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Link zur Ausstellung Von Welterklärungen und Ordnungssystemen | Barbara Ambrusch-Rapp
 iffArt | AAU Alpen-Adria-Universität Klagenfurt