2007 Interview Textpool Eutopia

Interview „artist of the week“ im Textpool auf Eutopia im Juni 2007

Lyrik ist ein hartes Gewerbe. Im Reich zwischen ranzigen Liebesgedichten und experimentellen Lautgewittern fällt es Lesern – und auch Autoren – oft schwer, sich ein heimeliges Plätzchen zu suchen. Barbara Rapp lässt sich von all dem nicht abschrecken und legt Texte vor, in denen Alltägliches mit dem Existenziellen verknüpft wird. Und es funktioniert. Dabei ist sie, was die Lyrik betrifft, eine Spätberufene, wie ihr künstlerischer Werdegang zeigt.

Am Anfang war das gegenständliche Bild. Einflüsse der abstrakten, surrealen und figuralen Malerei verschieben den Fokus und schließlich drängen sich Skulpturen und moderne Lyrik „als Erweiterung der schöpferischen Bandbreite“ auf. „Erarbeitung thematischer Zyklen und Ausführung in Form von Bild – Skulptur – Text“ ist der nächste, jedoch sicher nicht der letzte Schritt. „Als bekennende Autodidaktin sehe ich mich in meiner künstlerischen Arbeit auch nach jahrelangem Selbststudium noch immer und hoffentlich auch weiterhin stark im Wachsen befindlich.“

Das hört sich nach einem Hauptwohnsitz im Elfenbeinturm an. Mitnichten. „Den zur Existenzsicherung notwendigen Brotberuf übe ich ganz banal im Büro irgendwo zwischen Kopiergerät und Schreibtisch aus. Unanständigerweise macht mir dieses Tun auch noch richtig Spaß.“

Bevor eine Auswahl von Texten folgt, frage ich Frau Rapp noch eben, wieso es denn ausgerechnet Lyrik sein musste. „Speziell fordert mich die Lyrik und dabei besonders der sich nicht reimende Text dahingehend heraus, daß ich möglichst kurz und prägnant, aber doch mit dem jeweils dem behandelten Thema entsprechenden Maß an bildhafter Sprache versuche, die Essenz dessen, was ich zu sagen habe, in Worte zu fassen. Möglichst einfache, unkomplizierte Worte, die leicht zu verstehen sind und trotz ihrer Knappheit den Weg in die Seele des Lesenden schaffen. Zuweilen scheint es mir sogar zu gelingen.“

Eutopia: Bild – Skulptur – Text. Wie korrespondieren die verschiedenen künstlerischen Aktivitäten miteinander? Tun sie das überhaupt?

Barbara Rapp: Sie ergänzen einander in der Tat ab und zu, nicht immer, aber je nach relevanter Thematik oder jeweiligem Zyklus drängt sich manchmal das Bild vor mein geistiges Auge und nährt gleichzeitig ein Bedürfnis, das Gesehene auch in Geschriebenem zu verarbeiten. Es ist mir allerdings auch schon passiert, daß eine meiner Textpassagen bereits beim Zusammensetzen im Kopf urplötzlich Bilderwelten wachsen läßt oder auch Ideen zu Skulpturen und Objekten wachruft, die adäquat realisiert werden wollen.

Ich vermeide es jedoch, mich selbst dahingehend unter Druck zu setzen, jeden Zyklus in allen drei „Disziplinen“ aufarbeiten zu müssen. Was sich mir auftut, wird gerne angenommen und was nicht, das mag eben bleiben wo es ist.

Wie reagieren Sie, wenn Ihnen jemand rät:“Konzentrier dich lieber auf eine Sache und mach diese dafür gscheit.“

Diesen sicherlich gut gemeinten Rat höre ich sehr oft. Allein schon im bildnerischen Bereich wird mir zuweilen ans Herz gelegt, mich endlich auf eine bestimmte Richtung festzulegen. Ich kann dies einerseits sehr gut verstehen, ist doch ein so genannter Wiedererkennungswert wichtiges Kriterium auf dem Weg zum Erfolg am Kunstmarkt.
Andererseits sehe ich für meine Arbeit und meinen künstlerischen Weg keinen Nachteil darin, in verschiedenen Gewässern zu fischen. Ganz im Gegenteil: die wechselseitige Befruchtung und die mir zugestandene Freiheit, Visionen nicht durch Art der Umsetzung, Dimension, Material und dergleichen beschneiden zu lassen, erweitert den Horizont meines kreativen Kraftfeldes. Läßt mir viele Möglichkeiten offen, um dann doch die jeweils für mich einzig stimmige zu wählen.
Gerne nehme ich daher den Vorwurf einer mir diesbezüglich vorgeworfenen bzw. offensichtlich irrtümlich so gesehenen Ziellosigkeit oder auch des Dilettantismus in Kauf.

Ist es Ihnen peinlich, in Gedichten etwas von sich preiszugeben?

Meine Texte entstehen sehr oft zu Themen, die ausgesprochen intim erscheinen mögen und wohl auch viel über mich selbst verraten. Gewisse „vertextete“ Erlebnisse und Inspirationen brauchen aber genau dieses Einbringen meiner Person im Gesamten, um überhaupt authentisch sein zu können. Wenn Emotion zum Ausdruck gebracht werden soll, muß sie auch zumindest ansatzweise gefühlt werden oder worden sein. Ich kann mir nicht vorstellen, über etwas zu schreiben, das mich nicht im weitesten Sinne persönlich berührt, betrifft, aufregt, anregt, … natürlich gibt es auch Gedichte, die nicht für die Öffentlichkeit freigegeben werden, weil sie doch etwas zu privat und für Außenstehende auch nicht von Interesse sind.

Fällt es leichter, diese Themen im bildnerischen Bereich aufzuarbeiten?

Ich denke sehr wohl, daß es weitaus weniger verfänglich ist, sich und seine Visionen und Emotionen bildnerisch darzustellen, weil Bilder doch immer viel mehr Interpretationsfreiraum lassen, als das konkret benennende geschriebene oder gesagte Wort.

Welchen Rat geben Sie jungen KünstlerInnen?

Ich zähle mich mit meinen 35 Jahren selbst noch zur jüngeren Riege, vor allem auch die künstlerische Karriere betreffend. Was kann ich ganz jungen Kreativen raten? Meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass man unbeirrbar seinen Weg gehen, ein konkretes Ziel haben und es verfolgen muß. Kurzzeitiges Abschweifen vom Weg darf nicht entmutigen, vielmehr nütze man es und lasse es später in seine Arbeit einfließen. Konsequenz, ständiges Lernen, Experimentieren und das Feilen an seinen handwerklichen Fähigkeiten bieten die notwendige Basis, auf die man in seiner freien künstlerischen Arbeit aufbauen kann.

Welche Fehler sollte man unbedingt vermeiden?

Mein größter Fehler war wohl, zu früh hinauszugehen und der Öffentlichkeit einen noch gar zu rohen Diamanten vorzusetzen. Es ist sehr mühsam, ein einmal umgehängt bekommenes Image als chaotischer und noch nicht wirklich ernstzunehmender Hobbykünstler (so ähnlich war es bei mir) wieder loszuwerden.

Interview: Hannes Gaisberger für eutopia.at
Juni 2007