Von Helmut Hein, MZ
Regensburg. Vielleicht
kann man über diese zwei Künstlerinnen sagen,
was die FAZ-Kritikerin über die „Schoßgebete“,
den neuen Roman der
„Feuchtgebiete“-Bestsellerautorin Charlotte
Roche schrieb: Sie sind, nach den strengen
Regeln der Zunft, ästhetisch nicht
unbezweifelbar, aber ihre Bilder sind
„infektiös“. Man wird sie nicht so rasch wieder
los. Sie erzählen Geschichten, die scheinbar
zumindest kein Ende finden können: weniger von
den Massakern auf den Schlachtfeldern des ewigen
Kriegs der Geschlechter, sondern von den
„stummen“ Verwundungen tief drinnen.
Es geht darum, wie das
Bild des eigenen Körpers aufwendig in Szene
gesetzt wird – und wie es sogleich wieder
zerfällt, in Stücke reißt. Bei den frühesten
Avantgarden war es noch ein Versprechen: dass
man der Schöpfer seines eigenen Daseins und
natürlich auch seiner physischen Existenz wird.
Die Verwirklichung wurde aber schon bald zum
puren Horror.
Preis der realisierten Vision
Die Frauen schnürten
sich, bis sie buchstäblich vergingen: Die
Ohnmacht war der Preis der realisierten Vision.
Und wie bei den heutigen Magersüchtigen nahm
schon damals das Schönheitsverlangen
Suchtcharakter an. Die Modellierung des eigenen
Körpers musste permanent weitergehen, auch wenn
die Frau darüber zur Comic-Version ihrer selbst
wurde.
Die Österreicherin
Barbara Rapp, Jahrgang 1972, und die Französin
Vanessa Dakinsky, ein Dutzend Jahre jünger, sind
durch die Lehren der „gender studies“ gegangen,
die aus der frühen Einsicht Simone de Beauvoirs,
dass man nicht als Frau geboren, sondern zur
Frau gemacht wird, radikale Konsequenzen zogen:
Die Natur ist und bewirkt nichts, das Geschlecht
ist ein soziales Konstrukt. Und unser
Schönheitsempfinden ist antrainiert, so lange,
bis wir den selbsterzeugten Bildern nicht mehr
entgehen.
Für Barbara Rapp ist
Schönheit eine Falle. Sie findet für die
Enteignung der Frau entschiedene Bilder: Sie ist
an den Rand gedrückt, zutiefst melancholisch;
und die sexuellen Attribute, all die Brüste,
sind um sie herum zerstreut. Identität gibt es
nicht mehr; oder nur noch als Wahn. Formal
regiert bei Barbara Rapp die Collage, die das
längst Zerfallene noch einmal zusammenzwingt.
Inhaltlich geht es längst um Klon-Existenzen. An
die Stelle des (weiblichen) Menschen tritt die
sexuelle Maschinerie. Aus dem, was einmal Wunsch
oder Lust war, ist längst eine traumatische
Fantasie geworden, die dem Bann des
Wiederholungszwangs oder, ästhetisch, der
unendlichen Vervielfältigung unterliegt.
Zerstückelt und zerschnitten
Während bei Rapp die
Figuration entweder vom Messer zerschnitten oder
zeichnerisch ausgezehrt wird, regiert bei
Vanessa Dakinsky, scheinbar!, noch das pralle
Leben. Ihre jungen, halb oder ganz nackten
weiblichen Körper, gehorchen vordergründig einem
tief verankerten pornographischen Programm. Nur
wer genauer hinschaut, sieht, dass sie sich an
den Rändern auflösen, dass sie zerfressen werden
und längst Teil von Arrangements sind, die noch
das Vertrauteste, die Bilder des Begehrens,
fremd, seltsam, ja bedrohlich machen.
Auch Dakinskys Figuren
sind depersonalisiert: die Gesichter halb
weggeschnitten bzw. von Stoffen und Gegenständen
verdeckt oder entstellt. Eine Arbeit wie
„Helium“ zeigt, je nach Perspektive, die
Schrumpf- oder Mega-Version der Frau, reduziert
vor allem ihre primären Geschlechtsmerkmale auf
die wesentliche Eigenschaft in einer Comic-Welt
seelenlosesten Sexes: auf ihre Aufpumpbarkeit.
Beide Künstlerinnen mögen
politische Aktivistinnen sein. Aber ihre
wesentlichen Mittel sind Spott, Hohn und Ironie.
Manches muss man nur vorzeigen, um es zu
erledigen. Vor allem Vanessa Dakinsky steht aber
auch in der Tradition der Romantik und des
Surrealismus. Ihre Bilder fügen sich nie den
Vorgaben einer zensierenden Vernunft. Der Ort,
an dem sie entstehen, ist der Traum, manchmal
auch der Albtraum.
„Der letzte Mensch“ ist
in ihrer eher oberflächlichen
Apokalypsen-Version, ein ballettöser Strauß mit
Gasmaske und einem Vogel auf dem Scheitel. Und
im Hintergrund rauchen noch dekorativ die
Kühltürme der AKW, die anscheinend an dem ganzen
Schlamassel die Schuld tragen.