2012 Barbara Rapp im relevant-Gespräch

Interview mit Manuel Simbürger für relevant | Best of Media Kulturpolitik

Die Künstlerin Barbara Rapp im relevant-Gespräch | 30.07.2012

Gender-Mainstreaming, Queer, Heteronormativität und Co. – Schlagwörter, mit denen die Durchschnittsbevölkerung nur wenig anfangen kann. Schade, denn die Welt ist zu komplex, um sie ausschließlich in die Schemata von hetero- und homosexuell einzuteilen.

Um „gendern“ und „queer“ aus der Wissenschafts- und Philosophie-Ecke herauszuholen, initiierte die Kärntner Künstlerin Barbara Rapp das Projekt „bist du gender oder was?“. Dazu holt sie Ansichten, Kommentare oder Fragen von „ganz normalen Bürgern“ ein, um herauszufinden, wie sehr diese Themen die Bevölkerung tatsächlich bewegen. Mit relevant-Redakteur Manuel Simbürger hat sie darüber gesprochen.

relevant: Worum geht es genau in Ihrem Projekt „bist du gender oder was?“ und was wollen Sie damit erreichen?

Barbara Rapp: In Zuge von virtuellen Aktivitäten und realen Kunstaktionen im öffentlichen Raum möchte ich der sogenannten „Normalbevölkerung“ individuelle Statements zu den Schlagworten Gender(-Mainstreaming), Queer & Co. entlocken. Mich interessiert es, inwieweit diese Begriffe und ihre Inhalte bei den Menschen abseits der fachspezifischen Zirkel überhaupt angekommen sind. Um das herauszufinden, gehe ich gemeinsam mit Tanzchoreografin Martina Seidl und der Schauspielerin Katrin Ackerl Konstantin aktiv auf die Menschen zu – mit interaktiven Performances mit und aus der „GenderBox.onetwothree“.

Ich möchte unsere Arbeit allerdings nicht als Aufklärungsaktion verstanden wissen, sondern vielmehr eine Art sensibilisierende „Kunst-Research-Tour“ veranstalten. Wohin genau diese Reise führt, lasse ich bewusst offen.

„Bewusst plakatives Auftreten“

Welche Erfahrungen haben Sie bisher mit Ihrem Projekt gemacht?

Vor einigen Wochen hatten wir unsere ersten öffentlichen Aktionen gesetzt. Das virtuelle Feedback und die Rückmeldungen vor Ort reflektieren große Unsicherheit bezüglich der Bedeutung dieser Begriffe, was mich nicht überrascht, zeigen aber auch die Neugierde vieler, die vorher noch gar nichts davon gehört haben. Und: es gibt kritische Meinungen, die unser zum Teil bewusst plakatives Auftreten hinterfragen.

Mein grundsätzlicher Hang zu Überzeichnung und selbstkritischem Humor trägt wohl dazu bei. Nicht zuletzt ist auch die eine oder andere – höflich formuliert – Zurechtweisung bei mir eingelangt. Das alles macht mich neugierig darauf, was im Rahmen unseres Projektes noch auf uns zukommen wird!

Das Projekt finanziert sich über Crowdfunding (Schwarmfinanzierung). Wie viel an Geld konnte bereits gesammelt werden?

Die Crowdfunding-Kampagne ist eine der Wege, um die Kosten für unsere Tour 2013 zu schultern. Bisher sind einige Hundert Euro am startnext-Treuhandkonto eingelangt. Wir freuen uns über jeden noch so kleinen Betrag, der dazukommt. Allen „Supportern“ winken übrigens exklusive „Dankeschöns“!

Zeitgleich gehe ich auch direkt auf öffentliche Institutionen, Unternehmen und Privatpersonen zu. Hier wurde ebenso Unterstützung in Aussicht gestellt, einige Entscheidungen stehen noch aus und natürlich gab es auch Absagen. Grundsätzlich bin ich optimistisch, denn ich sehe das hohe Potential unseres „Babys“, und zahlreich eintreffendes positives Feedback motiviert zusätzlich.

Wie stehen Sie persönlich den Schlagwörtern „queer“ und „gender(n)“ gegenüber?

Ich „soft-gendere“ permanent durch den Tag – bilde mir zumindest ein, es zu versuchen – und scheitere ebenso permanent an meinen diesbezüglichen Ansprüchen. Da bin ich schon selbstkritisch genug, um meine Grenzen bezüglich alltagstauglicher Geschlechtersensibilität zu erkennen. Noch dazu, wo ich mir ja selber noch nicht ganz im Klaren darüber bin, was ich beispielsweise von Gender-Mainstreaming und den teils sehr radikalen Ausläufern halten soll. Doch jede Situation, die mir demaskierend vor die Nase knallt, füttert meinen Wachstumsprozess.

„Alles, was sich zwischen den Kategorien Hetero-Frau und Hetero-Mann abspielt, ist queer!“, habe ich aus einem Gespräch in Erinnerung und ja, dieser Ansatz passt für mich ganz gut.

„Queer“ scheint in der Gesellschaft noch nicht angekommen zu sein, die meisten Leute können mit dem Begriff nichts anfangen. Was müsste getan werden, um das zu ändern?

Kürzlich gab es im ORF-Fernsehen einen Report über transsexuelle Menschen in Österreich, die ihre persönlichen Geschichten, vom Realisieren ihres „Zustandes“ bis hin zu einer Geschlechtsumwandlung, erzählten. Das ist doch ein toller Ansatz! In den publikumsstarken Medien sind die Anliegen dieser vermeintlichen Randgruppen nur marginal existent – hier orte ich Aufholbedarf. Denn es kann mir doch niemand erzählen, dass die Anzahl der homosexuellen, inter- und transsexuellen Menschen (und den vielen weiteren Identitäten dazwischen) in Österreich nicht relevant wäre.

„Akzeptanz verschiedener Paarbeziehungen“

Hand aufs Herz: Denken Sie, dass der/die Durchschnitts-ÖsterreicherIn wirklich ein offenes Ohr für abstrakte Themen wie Heteronormativität hat?

Nein, genau so wenig wie für Hermaphroditismus (Zwittertum, Anm.), um noch so ein Beispiel zu nennen. Wenn ich aber mit Menschen aus meinem erweiterten beruflichen und privaten Umfeld über Lesben, Schwule oder Zwitter spreche, wissen alle sofort, was gemeint ist und dann wird – auch abseits politischer Korrektheit – durchaus eifrig darüber diskutiert.

Was tun Sie, abgesehen von der Gender-Box, als Künstlerin, um auf eben diese gesellschaftliche Heteronormativität aufmerksam zu machen?

Das sehe ich nicht als meine explizite Aufgabe an, aber innerhalb der bearbeiteten Themen – von der heutigen Rolle der Frau über Gender & Co. bis hin zu Individualismus und allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklungen – landet natürlich auch dieser Aspekt regelmäßig auf meinem Tisch und in weiterer Folge am Bild oder Objekt. Die Leinwandarbeit „gehet hin und vermehret euch“ ist so ein Beispiel, wo ich eben diese Frage nach der Akzeptanz verschiedener Paarbeziehungen in den Raum stelle, Reproduktionstechniken inklusive. Zu sehen übrigens ab 18. September in meiner nächsten Ausstellung „Zwischen den Beinen tun sich Welten auf“ in der Grazer Galerie Blaues Atelier.

Welche gesellschaftliche Macht hat „queer“? Oder besser: Wie sieht eine Gesellschaft aus, in der „queer“ bereits angekommen ist?

Abgesehen von der ausbaufähigen öffentlichen Sichtbarkeit „queerer“ Belange und Lebensentwürfe pflege ich grundsätzlich ein kritisches Verhältnis zum Wörtchen „Macht“. Es symbolisiert für mich das „Herrschen von etwas über etwas anderes“. Wenn wir nicht mehr darüber streiten, wer wen wie lieben „darf“, ist wohl vieles geschafft – die Beachtung der Menschenrechte vorausgesetzt.

„Gleichstellung wegen Europa-Krise ins Stocken geraten“

Feminismus hat mittlerweile eher einen negativen Beigeschmack. Viele sind der Meinung, dass sich der Feminismus in die falsche Richtung bewegt hat, weshalb auch das „gendern“ oftmals kritisiert wird. Wie sehen Sie das?

Ich sehe nicht die eine Feminismus-Bewegung. Unzählige, teils in völligem Kontrast zueinander stehende Tendenzen landen unter dieser Dachmarke. Und das trifft auch auf die mal salopp betitelte „Genderei“ zu. Wichtig scheint mir auch hier, Diskussionen in alle Richtungen zuzulassen – auch jene, die mir nicht in den Kram passen – und damit unterschiedlichen Meinungen zumindest Sichtbarkeit zu verschaffen.

Das Vorankommen speziell in der Gleichstellung – ich mag den begrifflichen Ansatz „Gleichwertigbehandlung“ viel lieber – scheint angesichts der so genannten Europa-Krise wohl ins Stocken geraten zu sein. Doch bin ich zuversichtlich, dass auch dieser Prozess ob seiner Dringlichkeit wieder ins Laufen kommen wird.

Frauen verdienen immer noch weniger als Männer. Was kann man Ihrer Meinung nach dagegen tun, um diese Schere kleiner werden zu lassen?

Da muss frau sich auch selbst am Kragen packen und etwas mehr Selbstbewusstsein bei der Sichtbarmachung ihrer Qualitäten zutage legen. Klar ist es nicht leicht, anerzogene Rollenmuster abzulegen – wobei leichtes Modifizieren reichen würde -, aber ohne Mut zur eigenen Stärke wird sich in diese Richtung nicht viel ändern.

Verkürzt gedacht und gehofft: Je mehr Frauen in den diesbezüglich noch unterbesetzten Schlüsselpositionen aktiv würden, desto eher käme wohl eine familientaugliche Gestaltung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zum Tragen. Damit würde auch die Frage nach dem Ungleichgewicht im Berufsleben obsolet.

„Nachhinken in der Akzeptanz“

Letzte Frage: Ihre Meinung zur politischen Lage in Österreich für Homosexuelle?

Im Vergleich zu Deutschland oder einigen anderen europäischen Ländern sind bei uns die offiziell homosexuellen RepräsentantInnen in der Politik eher dünn gesät, bei den regierenden Parteien so gut wie nicht vorhanden – was ein Indiz für unser Nachhinken, nicht nur im Schaffen entsprechender Rahmenbedingungen, sondern auch in der Akzeptanz im Allgemeinen, ist. Grundsätzlich haben wir verhältnismäßig wenige öffentliche Personen, die zu ihrer Homosexualität stehen. Intersexuelle etwa sind ja praktisch völlig unsichtbar. Die „Dunkelziffer“ bzw. Realität spiegelt das mit Sicherheit nicht.

Link zum Projekt-Blog bist du gender oder was?
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