2009 Simone Kraft | Überlegungen zum Werk

Vom Rotkäppchen und anderen märchenhaften Frauen | Überlegungen zum Werk von Barbara Rapp

Simone Kraft, M. A. (September 2009)

Es war einmal ein kleines süßes Mädchen, das hatte jedermann lieb, der sie nur ansah, am allerliebsten aber ihre Großmutter, die wußte gar nicht, was sie alles dem Kinde geben sollte. Einmal schenkte sie ihm ein Käppchen von rotem Samt, und weil ihm das so wohl stand, und es nichts anders mehr tragen wollte, hieß es nur das Rotkäppchen. Eines Tages sprach seine Mutter zu ihm: »Komm, Rotkäppchen, da hast du ein Stück Kuchen und eine Flasche Wein, bring das der Großmutter hinaus […]. Mach dich auf, bevor es heiß wird, und wenn du hinauskommst, so geh hübsch sittsam und lauf nicht vom Wege ab…«[1]
rotkäppchen nimmt heute die fäden in die hand © barbara rapp

Wie das Märchen bei den Grimms weitergeht, ist hinlänglich bekannt. Rotkäppchen hält sich nicht an die Worte der Mutter, sondern lässt sich vom Wolf verführen, abseits des Weges Blumen zu pflücken, der Wolf eilt zur Großmutter, verschlingt diese und das Rotkäppchen noch dazu. Erst durch das beherzte Eingreifen eines Jägers können beide gerettet werden. Was aber wäre, wenn das märchenhaft naive Rotkäppchen sich nicht vom bösen Wolf hinters Licht führen ließe? Wenn es nicht passiv bliebe, bis der Retter kommt, sondern aktiv die Verantwortung für das Geschehen übernähme?

Bei Barbara Rapp nimmt Rotkäppchen die Fäden selbst in die Hand und lässt sich nicht mehr als Marionette durchs Leben führen. Recht eindeutig wendet es den Rücken zur Einbahnstraße und hat souverän die Führung über Nacktheit und Sexualität übernommen.

Das Thema der weiblichen Souveränität und die selbstbestimmte Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität ziehen sich wie ein roter Faden durch Rapps Schaffen, das um die Rolle der Frau in der heutigen Zeit kreist. Denn allen Errungenschaften der Emanzipationsbewegung zum Trotz bestehen in vielen Bereichen noch immer Missverhältnisse zwischen den Geschlechtern – sei es auf dem Arbeitsmarkt, der für gleiche Arbeit häufig unterschiedliche Gehälter zahlt und Führungspositionen nach wie vor unterdurchschnittlich weiblich besetzt, sei es im gesellschaftlichen Bereich, der die Kindererziehung und Familienpflege in erster Linie von den Frauen erwartet.

Für diese soziokulturell bedingten, aber vielfach oft auch unbewusst selbst gemachten Hürden will die Künstlerin sensibilisieren. Ihre Beobachtungen, die sie sowohl in den Medien und den sozialpolitischen Entwicklungen als auch in ihrem direkten Umfeld gemacht hat, verarbeitet Rapp in Collagen, Gemälden und Grafiken. So kombiniert sie verzerrt gedruckte Fotografien mit Malerei und Zeichnungen zu in Rot- und Grau-Tönen gehaltenen Collagen, die provokant, ironisch, frech wirken und eine starke Aussagekraft entfalten, während sie in ihrer Grafik-Reihe zustand # ihr eigenes Fotoporträt mit Zeitungs- und Papierausschnitten auf Leinwand kaschiert und teilweise übermalt. Dabei handelt es sich nicht um ein Selbstporträt im klassischen Sinne, sondern um ein Zeigen einer Frau, die sich selbst in verschiedenen Situationen auf dem Weg zu einem gefestigten Selbstverständnis beobachtet; verschiedene „Zustände“ unter unterschiedlichen Einflüssen und in verschiedenen Umfeldern werden visualisiert.

Darüber hinaus thematisiert Rapp den immer exzessiver werdenden Schönheitswahn, der rasant um sich greift und sich immer mehr auf medial veränderte „Photoshop“-Ideale versteift. Mode, Kosmetik und Chirurgie helfen da nach, wo die Natur nicht perfekt genug ist. Gerade noch nicht in sich gefestigte Frauen geraten oft in den Strudel einer sich selbst gesetzten Idealvorstellung, die sich den von außen vorgegebenen optischen Zielen anpassen zu müssen glaubt. Die sich zur Schau stellende Weiblichkeit ist ein Thema, das immer wieder in Rapps Arbeiten auftaucht – Brüste, allein oder auf „Strichkörpern“, und nackte Körper überall, die dem Blick des Betrachters dargeboten werden. Durch ihre Überpräsenz und die verzerrte Darstellung – die weiblichen Figuren scheinen fast nur aus Kopf und Brust zu bestehen – wird die ständige Verfügbarkeit des (meist) weiblichen Körpers, wie sie aus Mode und Medien vertraut ist, überzeichnet und karikiert. Das passive Darbieten wird zum aktiven und provokanten Zeigen – mit einer gehörigen Portion Selbstironie.

Die Künstlerin ist stets mit sehr viel Humor bei der Arbeit, der vor allem aus den Titeln deutlich wird. Diese sind bewusst gewählt und geben dem Gezeigten den letzten Schliff: Titel und Bild eröffnen zusammen ein komplexes, facettenreiches Ganzes, das die Reflexion der Betrachter anregt und Assoziationen in Gang setzt.

Wenn etwa eine der jüngsten Arbeiten wer hat angst vorm tschuschenweib? heißt, so knüpft der Titel an der sprichwörtlichen Angst vorm Schwarzen Mann an – eine klischeebeladene Formulierung, die paradigmatisch für eine vorurteilsbehaftete Haltung gegenüber dem Fremden, Unbekannten steht. Diese wird durch die neue Wortkombination persifliert. Zudem kommt eine gesellschaftspolitische Dimension mit ins Spiel, die auf ein typisches Kärntner Problem, der Heimat Rapps, mit der slowenischen Minderheit verweist: „Tschuschen“ ist unter anderem ein umgangssprachliches Schimpfwort für Kärntner Slowenen.

Die ironische Haltung spielt eine wichtige Rolle für Rapp; sie verhindert das Sich-selbst-zu-ernst-nehmen und sorgt für eine gewisse Distanz gegenüber den verarbeiteten Themen. Denn die Künstlerin will nicht in die Rolle der Anklägerin verfallen, die über gesellschaftliche Probleme oder die ach so ungerechte Situation der Frauen klagt. Dies wäre zu simpel und würde letztlich nichts anderes bedeuten, als doch wieder in die passive Haltung des Grimm’schen Rotkäppchens zu verfallen, dem bösen Wolf die Schuld zuzuweisen und auf den Retter von außen zu warten, der einem Deus ex machina gleich Rettung bringt – kurz: die Fäden aus der Hand und die Verantwortung abzugeben.

Stattdessen ist es Rapps Ziel, aufmerksam zu machen, Fragen aufzuwerfen, zu sensibilisieren für gesellschaftliche Probleme – denn die Perspektive ist keinesfalls auf eine einseitige, nur weibliche Sichtweise zu reduzieren –, ohne dabei jedoch den Anspruch zu erheben, dem Betrachter allgemeingültige Antworten bieten zu können und zu wollen. Denn auch damit würde letztlich die Verantwortung abgegeben: An ein Lösungsmodell von außen, das pauschal angewendet werden kann und nicht reflektiert werden muss.

Letztendlich kann es keine absoluten Lösungen geben, sondern jeder/jede muss selbst aktiv werden, alte Verhaltens- und Denkmuster überdenken, sich aus der bequemen Opferrolle herausbewegen und selbstbewusst aktiv werden. heute ist die krone fällig – die alten Denkhierarchien im Kopf kann nicht nur das Rotkäppchen selbst in Angriff nehmen.

Simone Kraft, M. A.
Kunsthistorikerin und Kunstkritikerin, Heidelberg, September 2009
Vorwort zum Katalog der Ausstellung „heute ist die krone fällig“ Galerie Rimmer ab Oktober 2009

[1] Brüder Grimm, Rotkäppchen (Kinder- und Hausmärchen, Bd. 26, 1812), in: http://www.grimmstories.com/de/grimm_maerchen/rotkaeppchen, Stand September 2009.